Warenkorb
 
Ihr Warenkorb enthält zurzeit noch keinen Artikel.
 
 
INFOS

Jerusalem, Jerusalem!Weihnachten in Israel

Wenn ich früher als Kind in Weihnachtsbüchern blätterte, wünschte ich mir oft, in einer der Szenen dabei sein zu können. Heute haben mein Mann und ich es uns zur Tradition gemacht, alljährlich am Weihnachtsabend mit unseren Kindern durch die Jerusalemer Altstadt zu spazieren. Zum Abschluss schauen wir uns gemeinsam unterm Sternenhimmel von der Stadtmauer aus die „Davidstadt“ an, einen der ältesten Stadtteile Jerusalems. Hinter den Hügeln dieser Kulisse befinden sich bereits die Hirtenfelder, die wir aus der Weihnachtsgeschichte kennen. Oft stelle ich mir dabei die Frage, wer wohl heute die Rolle der Hirten, der Weisen aus dem Morgenland oder die des Herodes übernehmen würde. Wie würde die heutige Bevölkerung auf das Geschehen reagieren?
Es ist nicht immer einfach, als überzeugter Christ seinen Aufenthalt in Israel zu erklären, denn viele Israelis sind Christen gegenüber misstrauisch und vermuten Missionstätigkeiten. Das Weihnachtsfest bringt interessanterweise das Eis zum Schmelzen, denn für viele Israelis ist es etwas unerklärlich Anziehendes, das sie am liebsten mitfeiern würden. Sie kennen das Fest aus Spielfilmen oder von Auslandsbesuchen. Viele sehnen sich nach dieser Art von Idylle und Wärme, die sie im eigenen Land – bei permanenten politischen Spannungen – nicht finden. So überraschten uns schon einige unserer israelischen Bekannten im Laufe der Jahre, indem sie uns baten, das Weihnachtsfest mit unserer Familie mitfeiern zu dürfen. Sämtliche Weihnachtsgottesdienste in Jerusalem sind alljährlich überfüllt mit größtenteils israelischen Besuchern. Meine jüdische Nachbarin ließ ihre Tochter sogar als Engel in einem Krippenspiel unserer Gemeinde mitspielen. Es ist ein eigenartiger Widerspruch, aber meine Erfahrung ist, dass Gott oft gerade widersprüchliche Sachverhalte benutzt, um Menschenherzen näher zu sich zu bringen.

Originalschauplatz Bethlehem
Trotzdem fiel ich eines Tages aus allen Wolken, als mich die Leiterin des jüdischen Kindergartens, in den unser ältester Sohn David ging, bat: „Würden Sie einmal das Programm in unserem Kindergarten übernehmen und den Kindern erklären, was es mit Weihnachten auf sich hat und warum es gefeiert wird?“
Unsere Nachbarschaft ist nur einen Steinwurf von Bethlehem entfernt. Von unserem Balkon aus können wir die Hügel sehen, auf deren Pfaden einst Josef mit seiner schwangeren Verlobten Maria auf dem Esel reitend nach Bethlehem zog. Meine Aufgabe bestand also darin, dreißig einheimischen Kindern die Geschichte zu erzählen, die die gesamte Menschheit über zwei Jahrtausende bewegt hat, die ihnen selbst jedoch völlig unbekannt war. Ich freute mich riesig über dieses außergewöhnliche Vorrecht.
Dann stand ich mit dem dicken, großen Bilderbuch vor den Kindern und einigen Eltern. Viele Augenpaare sahen mich neugierig an. Schnell schickte ich noch ein Stoßgebet zum Herrn, um die richtigen Worte zu finden. Dann erzählte ich ihnen die Geschichte. Es war ihre eigene Geschichte, der Schauplatz war ihre unmittelbare Nachbarschaft, die Hauptcharaktere waren jüdisch. Ich merkte, dass so manch einer der anwesenden Erwachsenen die Augenbrauen hochzog, als die merkwürdig vertraut klingenden jüdischen Namen in dieser doch unbekannten Geschichte fielen. Unbekannt deswegen, da es Juden aus religiösen Gründen verboten ist, das Neue Testament zu lesen. Ich selbst, so kam es mir vor, übernahm die Rolle eines nicht jüdischen Hirten, der die Engelsbotschaft von der Geburt des Messias hört und nun dreißig Kinder aus der Nachbarschaft samt Betreuern mit sich nimmt, um ihnen das Geschehene vor Ort zu zeigen.
„Warum gibt es an Weihnachten eigentlich Geschenke?“, fragte jemand. Ich erklärte: „Die Geburt Jesu ist das größte Geschenk Gottes an die Menschheit: die Einladung an alle Völker der Erde, an den Gott Israels zu glauben. Aus diesem Grund beschenken wir uns, um uns gegenseitig an dieses Ereignis zu erinnern.“ Der Name Jesus (hebräisch Jeshua) erläuterte sich von selbst, denn im Hebräischen bedeutet er so viel wie ‚Rettung, Erlösung, Heil‘.

Aus allen Nationen
Nachdem ich die ganze Geschichte erzählt hatte, trug ich mit meinem Sohn David Hand in Hand das Lied „Ihr Kinderlein kommet“ auf Deutsch vor. Für den Rest des Vormittags erklang dann auf ausdrücklichen Wunsch der Kindergärtnerin deutsche Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern. Ich konnte meine Verwunderung nicht verbergen, als sie mich anschließend voller Begeisterung einlud, auch ein Konzert für den Kindergarten zu geben. Sie würde sogar Werbung dafür machen, und es dürften ruhig geistliche Lieder mit christlichem Charakter sein. Sie sei so bewegt gewesen, und es hätte allen so sehr gefallen, dass wir das Ganze etwas ausbauen müssten …
Umgehend fragte ich zehn befreundete gläubige Musiker und Sänger, ob sie mitmachen würden. Alle sagten Ja! Interessanterweise waren wir alle zehn aus verschiedenen Nationen, und so erklärten wir den Kindern nach der Weihnachtsgeschichte: „Wir haben uns alle für den Glauben an euren Gott, den Gott Israels, entschieden, obwohl wir aus den verschiedensten Ländern der Erde kommen.“ Im Vorfeld hatte ich einige bekannte christliche Kinderlieder ins Hebräische übersetzt, sodass die Kinder fröhlich mitträllern konnten. Ich hatte nur Mühe, meine Stimme zu halten, als ich merkte, dass einige Eltern sich die Tränen von den Wangen wischten, vor allem bei dem Lied „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen Jerusalems, zu dem Herrn der ganzen Welt, woher meine Hilfe kommt …‘‘
Ich glaube, die meisten haben die Weihnachtsbotschaft richtig verstanden. Es wird für mich ein unvergessliches Erlebnis bleiben.

Vesna Bühler lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Jerusalem. Dieser Artikel erschien in LYDIA 4/2010. Das Foto von Dieter Illgen zeigt die Jerusalemer Altstadt mit dem Davidsturm.

 

„Danke” an die Autorin

Der Beitrag hat Ihnen gefallen? Sagen Sie der Autorin mit einem Klick „Danke!“:

Was denken Sie?

Teilen Sie Ihre Gedanke mit uns und anderen Lesern! Wir freuen uns über Ihren Beitrag.

Ihre Gedanken zu dem Artikel?

Content ".nncomments-popover-content" wird per jQuery ersetzt.

Wir freuen uns über jeden Beitrag! Der Text erscheint inkl. Ihres Namens (falls angeben) auf der Lydia-Webseite. Weitere Informationen über die Speicherung der Daten finden Sie unter Datenschutz.

1 Kommentar

Diese Geschichte von Vesna ist sehr berührend, ich lese sie Weihnachten meiner Familie vor. Danke

Beate Nordstrand
Was denken Sie?

Ähnliche Artikel

Das Abo von Lydia

Alles Gute kommt…
per Post!

Ermutigendes, Bewegendes, Persönliches, auf das man sich freut – 4x im Jahr. Für nur 12 € zzgl. Versandkosten.

Mehr Infos