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Fasten: Mehr als Nein zu Schokolade

Die Fastenzeit beginnt. Ich habe mich daran gewöhnt, dass viele Menschen um mich herum auf irgendetwas verzichten: Süßigkeiten, Alkohol oder Kaffee. Ich wähle in schöner Beständigkeit Schokolade als mein persönliches „Verzichtsobjekt“. Sieben Wochen ohne diesen herrlichen Schokogeschmack auf der Zunge fallen mir echt schwer. Aber verdient dieser klitzekleine Verzicht tatsächlich die Bezeichnung „Fasten“?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr kommen mir Zweifel. Das, was ich in der Bibel über das Fasten lese, hat eine andere Note. Da geht es um alles. Oder besser gesagt: Um nichts. Nämlich um nichts essen – gar nichts! Fasten nicht als kleine Einschränkung des Konsums von Luxusgütern, sondern als radikalen Verzicht auf jegliche feste Nahrung.
Ich beginne mich über die medizinische Seite zu informieren und erfahre: Menschen mit gesundheitlichen Problemen, Schwangere, Stillende, alte Menschen und Kinder sollten nicht fasten. Ich gehöre momentan zu keiner dieser Gruppen und habe somit keine Ausrede, es nicht zu versuchen.

Fasten in der Bibel
Wann immer in der Bibel vom Fasten die Rede ist, wird diese geistliche Übung als Selbstverständlichkeit betrachtet. In der Bergpredigt zum Beispiel spricht Jesus über drei Kennzeichen im Leben derer, die ihm nachfolgen: „Wenn ihr betet ...“, „Wenn ihr spendet …“, „Wenn ihr fastet ...“ Jedes Mal gebraucht er die Worte „Wenn ihr das tut“, nicht „Falls ihr das tut“. Gebet, Großzügigkeit und Fasten sind für Jesus „Basics“ und nicht nur eine unverbindliche Anregung, was man gelegentlich mal ausprobieren könnte.
„Wenn ihr fastet, setzt keine Leidensmiene auf wie die Heuchler. Sie vernachlässigen ihr Aussehen, damit die Leute ihnen ansehen, dass sie fasten. Ich sage euch: Sie haben ihren Lohn damit schon erhalten. Wenn du fastest, pflege dein Haar und wasche dir das Gesicht wie sonst auch, damit die Leute dir nicht ansehen, dass du fastest; nur dein Vater, der auch im Verborgenen gegenwärtig ist, soll es wissen. Dann wird dein Vater, der ins Verborgene sieht, dich belohnen“ (Matthäus 6,16–18).
Jesus selbst beginnt seinen geistlichen Dienst auf dieser Erde mit einer vierzigtägigen Fastenzeit (Matthäus 4,2) und weist seine Jünger darauf hin, dass sie die Wirkung des Fastens nicht unterschätzen sollen, zum Beispiel als er ihnen erklärt, dass sich bestimmte Arten von Dämonen nur durch Beten und Fasten besiegen lassen (Matthäus 17,21). Und schließlich kündigt er seinen Nachfolgern unmissverständlich an, dass sie fasten werden, wenn er nicht mehr bei ihnen ist (Matthäus 9,15).

Fasten im Selbstversuch
Aber, um ehrlich zu sein: Ich habe weder vor, vierzig Tage lang nichts zu essen − was ich mir trotz stabiler Gesundheit als nicht ganz ungefährlich vorstelle − noch eine bestimmte Sorte von Dämonen durch meinen Verzicht auf Nahrung zu beeindrucken. Ich will es einfach mal versuchen – als Horizonterweiterung und als Gehorsamsschritt. Als geistliche Übung, die mir vermutlich mehr abverlangt, als monatlich den zehnten Teil meines Einkommens per Dauerauftrag an meine Kirchengemeinde zu überweisen. Wenn ich dabei noch ein paar meiner überflüssigen Kilos verliere, habe ich auch nichts dagegen.
Doch diese Illusion wird mir schnell geraubt. Während meiner Fasten-Recherchen erfahre ich, dass man zwar in der Tat recht schnell Gewicht verliert,  der Körper aber hauptsächlich Wasser und Eiweiß abbaut. Ehe er seine Fettreserven antastet, vergeht fast eine Woche, und so haben die meisten nach dem Fasten innerhalb kurzer Zeit wieder ihr Ausgangsgewicht.
Sei´s drum – ich will wissen, wie Fasten ist, wie es sich anfühlt, was ich dabei erlebe und was das Ganze mit Gott zu tun hat. Daher lasse ich mich auf das ein, was die Ärzte als „Selbstständiges Fasten für Gesunde“ bezeichnen. Mit großen Erwartungen und großen Mengen an Flüssigkeit.

Fasten fühlt sich immer anders an
Dieser Entschluss ist jetzt einige Jahre her. Seitdem habe ich mehrfach gefastet. Mal habe ich lange, ausdauernd und diszipliniert durchgehalten, mal habe ich nach wenigen Tagen wieder entnervt aufgegeben. Ich habe schweigend in einer Kommunität gefastet und ich habe mitten im Familientrubel aufs Essen verzichtet, während der normale Alltag weiterlief und ich täglich kochen musste.
Ich habe große und tiefe Erfahrungen mit Gott gemacht und seine Liebe und Fürsorge während mancher Fastenzeiten in ungewöhnlich starker Intensität erlebt. Und ich habe Fastentage erlebt, die geistlich nichtssagend waren, bei denen ich neben dem Geräusch des knurrenden Magens nicht in der Lage war, auf Gottes Stimme zu hören. Ich habe gemeinsam mit Freunden aus unserer Gemeinde gefastet und mehrmals „heimlich, still und leise“. Manchmal fühlte ich mich, als könnte ich Bäume ausreißen, an anderen Tagen war ich so kraftlos, dass ich am liebsten im Bett geblieben wäre. Ich habe während des Fastens mal erfreulich zackig abgenommen und mal schleppend langsam, war aber hinterher jedes Mal bereits nach wenigen Wochen wieder so proper wie vor der Fastenzeit.
Mein Fazit: Ich bin sehr froh, dass ich das Fasten für mich entdeckt habe und mich von Jesu Worten herausfordern ließ: „Wenn ihr fastet …“ Dadurch habe ich zunächst mich selbst von einer neuen Seite kennengelernt. Ich vergleiche das Fasten gern mit einer Reise ohne klar erkennbares Ziel. Man macht sich auf den Weg und weiß nicht genau, wo man am Ende landet. Es begegnet einem Schönes, aber auch Schwieriges und vor allem Unerwartetes. Es gibt sehr gute und ziemlich anstrengende Tage. Aber wenn man ankommt, ist man richtig glücklich!
Meine Fasten-Reisen waren bislang überwiegend positiv. Ich bin fasziniert und begeistert, wie anpassungsfähig der menschliche Körper ist und mit wie wenig er eigentlich auskommt und trotzdem tadellos funktioniert. Dadurch habe ich am eigenen Leib erfahren, was für ein Meisterwerk aus Gottes Hand jeder von uns zur Verfügung gestellt bekommen hat. Zudem hat Gott mich mit einer stabilen Gesamtkonstitution ausgerüstet, sodass ich bislang selten körperliche Durchhänger hatte – und wenn, dann waren sie nur vorübergehend. Wenn ich besondere Kraft gebraucht habe, war sie immer da! Auch das ist eine tiefe Erfahrung.

Wie erlebe ich Gott beim Fasten?
Der geistliche Aspekt ist schwerer zu greifen. Noch immer kann ich nicht klar und eindeutig den Nutzen des Fastens benennen, wie ich das bei Gebet und Spenden kann. Zeiten der Nähe zu Gott wechseln sich mit Alltagsroutine ab. Wer wie ich nebenher eine Familie zu versorgen hat, hat nicht unbedingt zusätzliche Zeit für Stille. Man muss sie sich während des Fastens genauso erkämpfen wie sonst auch. Aber ich bin in diesen Zeiten wahrscheinlich doch sensibler für Gott, als das üblicherweise der Fall ist. Und manchmal werde ich von Gott überrascht – mit einer Zusage, einer neuen Erkenntnis, einer Ermutigung oder einer Horizonterweiterung.
Das sind dann Aussichtspunkte auf der Fasten-Reise, für die es sich lohnt, sich auf den Weg zu machen. Fasten ist ein Abenteuer! Eine Zeit lang ohne Nahrung auszukommen, macht zweifellos etwas mit einem. Und es ist die absolut günstigste Methode, seinen Schöpfer, sich selbst und andere „Mitreisende“ besser kennenzulernen.
Wenn im Kirchenkalender die Fastenzeit beginnt, versuche ich immer noch, sieben Wochen auf Schokolade zu verzichten. Das ist auf jeden Fall sinnvoll. Aber als „Fasten“ bezeichne ich diesen kleinen Verzicht mittlerweile nicht mehr.

Sigrid Offermann ist Lektorin und Mutter von zwei Kindern. Dieser Artikel erschien in LYDIA 1/2020.

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