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Wenn Kinder andere Wege gehen

Heranwachsende treffen manchmal Entscheidungen, die Eltern schmerzen und die von dem abweichen, was Mütter und Väter sich für ihr Kind gewünscht haben. Wie können Eltern damit umgehen? Und wie können sie gut reagieren, wenn der Plan des Kindes scheitert?

„Sie war doch immer unser Sonnenschein. Musikalisch, fröhlich, beliebt und in unserer Kirchengemeinde aktiv. Plötzlich findet sie unsere Gemeinde zu ‚eng‘ und zu ‚langweilig‘ und möchte nicht mehr in den Gottesdienst mitkommen. Sie weiß nicht einmal mehr, ob ‚die Sache mit Gott‘ sie noch interessiert. Viel lieber feiert sie mit ihren Freunden eine Party nach der anderen. Auch ihre Schulleistungen haben stark nachgelassen.“ Meine Freundin Rita versteht die Welt nicht mehr und ihre Tochter schon gar nicht. Der Schmerz sitzt tief. Und ich verstehe sie.

Eltern erleben immer wieder Situationen, in denen sie feststellen müssen, dass ihr Sohn oder ihre Tochter nicht den gleichen Weg geht wie sie. Sei es die Art und Weise, wie sie ihren Glauben leben, wie sie sich ernähren oder wie sie ihren Tag strukturieren. Da bricht ein Kind die Schule oder das Studium ab oder geht eine Partnerschaft ein, die die Eltern nicht gutheißen. Es gibt Gründe genug, warum Eltern unglücklich über die Entwicklung eines heranwachsenden Kindes sein können.
 

Biblisches Vorbild

„Gib mir das Geld, das mir als Erbe zusteht!“, forderte der junge Mann. Ohne sich lange zu verabschieden, lief er mit dem Geld, das ihm sein Vater überlassen hatte, davon. Traurig stand der Vater in der Haustür und blickte seinem Sohn hinterher, als dieser die Straße entlangging. Als er schon lange außer Sichtweite war, stand der alte Mann noch immer da und fragte sich: Warum geht mein Sohn aus guten und gesicherten Verhältnissen fort? Was hat er vor mit seinem Erbe? Wo wird ihn sein Weg hinführen?

So stelle ich mir die Szene aus dem biblischen Gleichnis vom verlorenen Sohn vor. Ähnlich wie dieser Vater empfinden auch heute – mehr als zweitausend Jahre später – Mütter und Väter, wenn ihre Tochter oder ihr Sohn eine Entscheidung trifft, die ihnen große Mühe macht.
 

Wer ist schuld?

„Was habe ich nur falsch gemacht? Ich hatte doch immer ein offenes Ohr für meine Tochter! Vielleicht hätte ich den neuen Job nicht annehmen und mehr Zeit für sie haben sollen! Dann hätte ich bestimmt erkannt, wie sie sich immer weiter von uns entfernt hat!“ Selbstvorwürfe und Anklage sind häufige Reaktionen, wenn es mit dem Nachwuchs nicht so läuft wie gewünscht. Schmerzhaft ist auch, wenn Eltern hören, wie andere über sie urteilen: „Irgendetwas muss in dieser Familie nicht stimmen, sonst wäre die Tochter nicht auf Abwege geraten.“ 

Finden Eltern keine Schuld bei sich selbst, suchen sie die Schuld oft im Umfeld, etwa im Freundeskreis. Doch die Schuldfrage, selbst wenn sie zu beantworten wäre, löst nicht den Umstand, dass das eigene Kind einen anderen Weg geht. So schwer es uns Eltern fallen mag, wir müssen akzeptieren: Unser Kind ist alt genug, um eigene Entscheidungen zu treffen – auch wenn uns diese nicht gefallen und wir sie nicht verstehen.
 

Auf Abwegen

„Die Schulden haben meinen Maximilian straffällig gemacht. Früher konnte er immer so gut mit seinem Taschengeld umgehen. Aber seine Frau ist sehr anspruchsvoll und kommt aus einem wohlhabenden Zuhause. Da wollte er mithalten, hat sich nach und nach verschuldet und konnte die Rückstände irgendwann nicht mehr bezahlen. Der Weg zum Betrug war leider nur ein kurzer!“ Besonders schmerzvoll ist es, wenn Kinder kriminelle oder moralisch verwerfliche Wege einschlagen. Hier sind Ausdauer und viel Kraft gefordert. 

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn verschwendet der Sohn das Geld des Vaters bei Prostituierten und anderen Vergnügungen. Doch der Vater wartete geduldig und gab nie die Hoffnung auf, dass sein Sohn auf den rechten Weg zurückkommen würde. Der Vater in diesem Gleichnis ist ein Bild für unseren liebenden Vater im Himmel und zeigt uns: Gott ist ein treuer und gütiger Gott, selbst wenn die Träume und Wünsche, die wir mit unseren Kindern hatten, zerbrochen sind. Er versteht uns und weiß, wie es ist, zu hoffen und zu warten.

Auch wenn die meisten von uns nicht ganz so schwere Dinge mit den Kindern erleben, ist es eines der größten Geschenke, die wir unseren Kindern machen können, wenn wir ehrlichen Herzens zu ihnen sagen: „Egal, was passiert, du kannst immer zu uns kommen!“ Dieses Wissen hat den Sohn nach Hause gebracht, als er sein Geld in den Sand gesetzt hatte und alles verloren schien. Dieses Versprechen wird auch andere junge Leute nach Hause führen, wenn sie nicht mehr weiterwissen oder sich mit ihren Fehlentscheidungen in einer Sackgasse befinden. Auch wenn Eltern ihren Kindern die Folgen schlechter Entscheidungen nicht abnehmen können, können sie sie doch in die Arme nehmen, gemeinsam mit ihnen darüber trauern und ihnen helfen, gute Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.
 

Meine Wünsche, deine Wünsche

Enttäuschungen entstehen dann, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden. Wenn Kinder eigene Wege gehen, hat sich das meistens schon länger abgezeichnet, aber wir konnten oder wollten es nicht wahrhaben. Dabei hätten wir das Abweichen vom geplanten Weg ohnehin kaum verhindern können. Vielleicht ist es der Wunsch der Eltern, dass der Sohn Lehrer, Pastor, Richter oder Arzt wird, aber nicht der Wunsch des Sohnes. Gerade bei der Berufswahl klaffen die Vorstellungen oft auseinander. Mag sein, dass ein Schul- oder Studienabbruch keine gute Entscheidung ist, aber vielleicht ist genau dieser Umweg nötig für das heranwachsende Kind.

Als Eltern kommen wir nicht darum herum, uns ehrlich zu fragen, ob unsere Wünsche und Ideen auch die Wünsche und Ideen der Kinder sind. Und dann müssen wir lernen, zu akzeptieren, dass Wege sich entwickeln und Pläne sich ändern können. Eines unserer Kinder tauschte eine gut bezahlte berufliche Karriere, die es mit großem Eifer angestrebt hatte, für eine Arbeit ein, die es voll und ganz ausfüllt. Diese war aber in der Gesellschaft weder angesehen noch gut bezahlt. Es brauchte einige Zeit, bis wir als Eltern auf kritische Fragen von anderen hoch erhobenen Hauptes sagen konnten, wie stolz wir auf unser Kind seien. Wir sagten das auch unserem erwachsenen Kind. Ich werde nie vergessen, wie sehr es sich darüber gefreut hat!
 

Eltern bleiben

Die wohl schwierigste und gleichzeitig wichtigste Aufgabe ist es, dass wir als Eltern das bleiben, was wir sind: Mutter und Vater. Wir sind für unsere Kinder nicht Richter, Gefängniswärter, Polizist, Schuldeneintreiber, Psychologe oder Theologe. Wir bleiben Vater und Mutter, die ihre Kinder bedingungslos lieben und für sie da sind, wenn sie uns brauchen. Das können nur wir; alle anderen Aufgaben können auch andere Menschen erfüllen.

Wenn man erwachsene Kinder fragt, was ihnen am meisten geholfen hat, wenn sie Wege gegangen sind, die ihre Eltern nicht guthießen, ist die einhellige Antwort: „Dass meine Eltern, als ich aufgrund falscher Entscheidungen in der Patsche saß, nicht gesagt haben: ‚Siehst du, ich habe es dir ja gleich gesagt!‘, sondern mich einfach in den Arm genommen und getröstet haben.“

Um so reagieren zu können, braucht es manchmal übermenschliche oder eben göttliche Kraft. Die bekommen wir von einem liebenden Vater im Himmel, der weiß, wie es ist, wenn man auf einen verlorenen Sohn oder eine verlorene Tochter wartet. Er kann uns den Schmerz tragen helfen und uns Geduld schenken im Umgang mit dem Kind. Auch dann, wenn es vielleicht niemals den Weg gehen wird, den wir uns so gewünscht hätten. In Zeiten des Wartens ist es eine große Gnade, mit Gott über das vermeintlich verloren gegangene Kind zu reden. Gebet tröstet nicht nur so manches zerbrochene Mutter- und Vaterherz, sondern auch das Kind, das dadurch mitgetragen wird.
 

Roswitha Wurm lebt mit ihrer Familie in Wien. Als Förderpädagogin übt sie jeden Tag aufs Neue, die Wörter „Geduld“ und „warten“ zu buchstabieren. Dieser Artikel erschien in Lydia 2/2022.

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