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Von der Freiheit, wenig zu besitzenInterview mit Anne Löwen

Weniger ist mehr, sagt ein Sprichwort. Aber was heißt das in einem großen Haus mit vielen Sachen? Und macht weggeben wirklich Spaß? Im Interview erzählt die vierfache Mutter Anne Löwen, warum sie bei sich kräftig aussortiert hat und das nur jedem empfehlen kann.

Anne, bei Ihnen sieht es so ordentlich aus. Was ist das Geheimnis dahinter?
Das Geheimnis heißt Minimalismus. Wenn man nicht so viel hat, steht automatisch weniger herum und es gibt weniger aufzuräumen.

Was bedeutet Minimalismus genau?
Minimalismus heißt, sich auf das zu konzentrieren, was man wirklich mag und braucht. Es bedeutet, die Freiheit zu haben, sich von all den Sachen zu verabschieden, die man sowieso nicht benutzt oder die einem nicht gefallen. Dabei ist das Ziel, möglichst wenig zu tun zu haben, nicht möglichst viel Arbeit am Tag zu schaffen.

Was sind das beispielsweise für Sachen, von denen Sie sich trennen?
Häufig sind es angesammelte Sachen aus der Vergangenheit, von denen man denkt, sie irgendwann noch mal gebrauchen zu können. Zum Beispiel die Jeans, die nicht mehr richtig passt, die aber trotzdem im Schrank liegt, weil man hofft, die fünf Kilo wieder loszuwerden. Erst mal kauft man sich aber eine neue Hose, die passt.

Warum fällt es uns so schwer, Dinge wegzugeben?
Das hat mit Identität zu tun. Zum Beispiel bei der Jeans: Man will sich so sehen wie früher. Ein anderes Thema sind Hobbys: Ich habe mir gewünscht, eine gute Näherin zu sein. Ich habe es ausprobiert, hatte aber keinen Spaß daran. Also standen die Nähmaschine und die Kiste mit den Stoffen herum. In dem Moment, in dem ich es weggebe, muss ich mir eingestehen, dass ich keine Näherin bin. Ich wollte aber wie andere Frauen schöne Sachen für die Kinder nähen. Wir definieren uns zu sehr durch das, was wir haben, statt durch das, was wir sind.

Wie kam es bei Ihnen zu der Erkenntnis: „Ich will etwas verändern“?
Ich bin hochsensibel und sehr schnell reizüberflutet. Wenn sich zu Hause der Aufgabenberg vor mir auftürmt, renne ich irgendwann wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gegend. Ich war manchmal so überfordert von allem, dass ich anfing zu heulen. Ich habe viel über Organisation und Haushaltsführung gelesen, aber bei mir hat nichts geklappt. Organisieren heißt, dass ich mein Zeug von A nach B räume. Aber organisierter Kram ist immer noch Kram. Der ist auch schnell wieder durcheinander. Irgendwann bin ich auf ein Buch über Minimalismus gestoßen. Darin stand, dass Platz einen Wert hat. Wenn man Dinge entrümpelt, darf man nicht nur darüber nachdenken, wie wertvoll eine Sache ist, sondern auch, welchen Platz dieser Gegenstand einnimmt. Da habe mir selbst zum ersten Mal erlaubt, Dinge loszuwerden.

Welche Erkenntnisse hatten Sie bei diesem Prozess?
Ich habe einige Aussagen der Bibel besser verstanden. Zum Beispiel die Geschichte mit dem reichen jungen Mann in Matthäus 19,16–26. Jesus sagt ihm, er soll seinen ganzen Besitz an die Armen verkaufen und ihm nachfolgen. Diese Geschichte hört sich so an, als wäre Jesus besitzfeindlich, aber es ging ihm um das Herz des Mannes. Vermutlich hat sein Besitz ihn davon abgehalten, das Leben zu führen, das Jesus für ihn bestimmt hatte. Das bedeutet nicht, dass Besitz falsch ist, sondern es geht darum, wie viel Raum er in meinem Leben einnimmt. Es kann sein, dass mein Herz zu sehr daran hängt. Viel wahrscheinlicher ist, dass er mich so auf Trab hält, dass ich keine Zeit für das wirklich Wichtige habe. Dieses Thema kommt oft in der Bibel vor. Gott weiß, dass wir Menschen einen Hang dazu haben, Dinge anzuhäufen. Ich glaube, Gott hat uns Besitz gegeben, damit wir andere damit segnen können. Mein Mann und ich versuchen den größten Teil von dem, was wir abgeben, zu verschenken. Das fällt uns nicht immer leicht. Jedes Mal ist es eine Entscheidung zu sagen: „Ich bin gesegnet worden und gebe den Segen weiter.“

Wie haben Sie angefangen?
Kleidung ist eine gute Einsteigeraufgabe. Danach kamen die Kisten im Keller dran. Da waren Kisten, die seit dem Umzug noch geschlossen waren. Es war einfach, sie loszuwerden, denn wir hatten die Sachen so lange nicht mehr gebraucht, dass wir sie auch in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr benutzen würden.

Was war für Sie die größte Herausforderung?
Die Babysachen waren das Schwierigste, weil damit unglaublich viele Gefühle verbunden waren. Mich von unserer Wiege und den süßen Babysachen zu verabschieden, ist mir sehr schwergefallen. Ich habe nicht alles abgegeben, sondern eine Erinnerungskiste eingerichtet, in der ein Babystrampler, die Glückwunschkarten zur Geburt und noch ein besonderes Kuscheltier von jedem Kind drin ist.

Was haben denn Ihre Kinder zu Ihrer neuen Idee gesagt?
Wir hatten drei Kisten: eine war für Sachen, die bleiben dürfen, eine für Dinge, die weg können und eine Vielleicht-Kiste. Es war hart, das mit den Kindern durchzugehen. Aber ich werde nie den Moment vergessen, als wir endlich fertig waren. Die zwei sind mit Jubelsprüngen durch ihr Zimmer gerannt – überall waren nur ihre Lieblingssachen. Von dem Tag an konnten sie gut in ihrem Zimmer spielen.

Wie hat sich Ihr Leben sonst verändert?
Wir sind viel entspannter. Wenn wir am Wochenende als Familie unterwegs sind und viel Trubel um uns haben, freuen wir uns alle auf der Fahrt nach Hause auf unsere Ruhe-Oase. Mir ist es sehr wichtig, dass unser Haus ein Ort ist, an dem wir auftanken und zur Ruhe kommen können. Das tut auch unseren Kindern gut. Außerdem hat man wirklich mehr Zeit. Wenn man weniger im Haushalt zu tun hat, hat man mehr Zeit für Unternehmungen, die Spaß machen. (…)

Dies ist ein Auszug aus dem Interview in Lydia 3/2020

Interview: Ellen Nieswiodek-Martin & Marlene Temple
Foto: Deborah Pulverich
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