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Mein Weihnachtstraum

Draußen ist es bitterkalt und stockdunkel. Ich sitze in der Straßenbahn heimwärts. Eine liebe Bekannte habe ich im Lockdown besucht. Zu zweit aus zwei Haushalten, das ist ja erlaubt. Ich freue mich über die schönen Aspekte der gemeinsamen Zeit. Doch ich bin auch traurig.

Seit sieben Jahren leite ich eine christliche beziehungsorientierte Single-Initiative im Stuttgarter Großraum. Ich kenne viele Singles, die schon ohne Corona mit Weihnachten zu kämpfen haben, nun unter deutlich schwierigeren Bedingungen. Die Kirchengemeinde, für Singles häufig die Ersatzfamilie, ist nur eingeschränkt verfügbar. Um die Weihnachtsfeiertage bricht sie öfter ganz weg, denn diese Tage sind sehr familienorientiert. Viele Alleinlebende fühlen sich dann besonders einsam und isoliert. Ist das Thema „Familie“ doch gerade der wunde Punkt für sie, und Corona verstärkt dies noch.

Wir brauchen Gemeinschaft

Auf meinem Heimweg in der Bahn zieht die pechschwarze Nacht an mir vorbei. Ich freue mich, im Warmen und Trockenen zu sitzen und gut heimzukommen. Für „meine Singles“ ist es mir jedoch schwer ums Herz. Warm und trocken haben es die allermeisten auch dieses Jahr zu Hause. Und doch ist etwas Dunkles und Kaltes dabei. Gerade um Weihnachten freuen wir uns an Begegnungen und gemeinsamer Zeit. An hellem Lachen, gutem Essen und heißem Tee. Als Menschen sind wir soziale Wesen. Und soziale Wesen benötigen ein soziales Umfeld. Ein angenehmes Umfeld, das die inneren Akkus wieder auflädt, wenn man sich im Job verausgabt hat. Viele haben zurzeit außergewöhnliche Belastungen, mehr Arbeit im Job, vielleicht Homeoffice ohne Kontakte … Wir brauchen Gemeinschaft, um Eindrücke verarbeiten zu können und emotional ausgeglichener zu sein.

Die große Not

Mir kommt ein Leitsatz aus meinem Ersthelferkurs in den Sinn. Der Rot-Kreuz-Ausbilder sagte uns Teilnehmern: „Wenn an einem Unfallort zwei Verletzte liegen, der eine schreit laut vor Schmerzen, der andere ist stumm, dann hat der Stumme Priorität, denn der andere ist bei Bewusstsein, sonst würde er nicht vor Schmerzen schreien.“
In diesen Tagen hört man viel über das besondere Weihnachtsfest 2020. Ich finde es schade, wenn Familien nicht wie gewohnt die Feiertage in ihrer Familientradition verbringen können. Aber vielleicht können wir auch an diejenigen denken, die es dieses Jahr besonders schwer haben. Zum Beispiel Alleinlebende, die planen müssen, wie sie Weihnachten irgendwie überstehen. Die sich mit Filmen ablenken, um ihr inneres Gleichgewicht zu behalten. Die schüchtern anfragen, ob es irgendwo und irgendwie auch in diesem Jahr Gemeinschaftsangebote gibt.

Meine Sehnsucht

Wäre es nicht schön, wenn wir Weihnachten aneinander denken und füreinander da sein könnten? Wenn wir uns auf das Positive besinnen und aus dem Schwierigen das Beste machen? Es ist doch ein Grund zur Dankbarkeit, wenn man nur getrennt von der Familie ist, aber alle gesund sind. Oder wenn einen nur die Kontaktbeschränkungen voneinander trennen und nicht tiefe familiäre Zerwürfnisse ein Treffen unmöglich machen.
Ich wünsche mir für Singles und Familien, dass wir uns auf den Kern von Weihnachten besinnen. Ich wünsche mir, dass wir das gesparte Spritgeld (falls Verwandtenbesuche ausfallen) für Menschen ausgeben, die in unserer Stadt unsere Wohltätigkeit gebrauchen können. Es wäre eine Möglichkeit, wenn wir nicht von einem Besuch zum nächsten müssen, mal das Fotoalbum zur Hand zu nehmen und in Ruhe „Lebens- und Dankbilanz“ ziehen. Geplante Telefonkontakte haben eine neue und schöne Bedeutung bekommen. Wir können sie bewusst einsetzen, um Gemeinschaft zu erleben. Wer mag, kann sich zu Zoom-Abendessen mit Familie und Freunden verabreden. Auch hier kann Nähe entstehen, Freude und Schmerz geteilt werden. Mit einer alleinstehenden Freundin habe ich entdeckt, dass man sowohl via Zoom als auch telefonisch zusammen Weihnachtslieder singen kann. Besonderen Trost und praktische Hilfe bietet Psalm 103,2: „… und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Gerade jetzt, wenn viele Menschen Begegnung, eine Umarmung, das Zusammensein vermissen, kann man sich selbst trösten, indem man das bisher erlebte Gute – beispielsweise eine liebevolle Umarmung – in der Erinnerung abruft und es auf diese Weise erneut erlebt.

Bei Gott zur Ruhe kommen

Ich wünsche mir, dass wir bei einer guten Tasse Tee oder Kaffee in Frieden eine wunderschöne besinnliche Zeit mit unserer himmlischen Familie, dem Vater, Sohn und Heiligen Geist verbringen können. In Hebräer 4 lesen wir, dass für Gottes Kinder noch eine Ruhe vorhanden ist. Tauchen wir doch diese Weihnachten bewusst in diese Ruhe ein und öffnen wir uns für das, was Gott uns in dieser besonderen Zeit schenken möchte. Vielleicht können wir das vergangene Jahr in Frieden reflektieren und für das kommende Jahr gute Entscheidungen treffen. Ich wünsche mir, dass bei allen zukünftigen Weihnachtsfesten nicht mehr der Wert unserer Geschenke, sondern die Qualität unserer Beziehungen ausschlaggebend ist. Ich wünsche mir, dass es so richtig Weihnachten in unseren Herzen und Häusern wird, indem wir Menschen und nicht Dinge oder Aufgaben im Blick haben. Egal, ob wir als Familie oder Single unterwegs sind. Das ist mein Weihnachtstraum.

Birgit Broyer
Veröffentlicht am 21. Dezember 2020

 

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1 Kommentar

Der Artikel ist gut. Wünschenswert wäre, daß er von
vielen Leuten wirklich ernst genommen wird. Eine Um-
setzung in einigen Bereichen und Aussagen wäre für die
Gesellschaft von großem Nutzen.

rita Wolz
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