Warenkorb
 
Ihr Warenkorb enthält zurzeit noch keinen Artikel.
 
 
INFOS

Wunder mitten im Wahnsinn

Als Halbjüdin habe ich die Verfolgung durch das Nazi-Regime in Deutschland hautnah miterlebt. Ich habe erlebt, welch unfassbares Leid Menschen einander antun können. Aber ich habe auch erfahren, dass Jesus lebt und Wunder tut.

„Sie sind da!“, keuchte ich, als ich durch die Tür platzte. „Die Pässe und Visa sind da.“ „Oh, danke, Jesus“, rief Mutter leise. Sie riss den Umschlag auf und sah auf die offiziellen Dokumente, doch ihre Vorfreude schmolz dahin, als sie zu lesen begann. „Nur Hellas Papiere sind da“, seufzte sie. „Doch sie schreiben, dass deine und meine Papiere bis Ende August ebenfalls da sein werden. Wenigstens Hella kann frei reisen, Anita. Wir sollten uns für deine Schwester freuen und Gott weiter für dich und mich vertrauen.“ „Mutter, Jesus wird uns nicht im Stich lassen“, erwiderte ich. „Pastor Hornig sagt, wir gefallen ihm am meisten, wenn wir ihm vertrauen. Siehst du, was für eine großartige Gelegenheit wir haben, Jesus zu vertrauen, Mutter?“ Sie lächelte. „Ich bin dabei, Vertrauen zu lernen, Anita.“

Ein schwerer Abschied
„Wir werden dich bald in London wiedersehen“, sagte Mutter, während sie Hella auf dem Bahnhof umarmte, „und wir werden jeden Tag für dich beten.“
Ein Untergrundsender hatte berichtet, dass Hitler auf dem Weg war und jederzeit in Polen einfallen konnte. Ohne jeden Zweifel würde es eine Beschränkung unserer Freiheit geben, bevor der Krieg begann.

In ständiger Angst
Im Herbst begann der Krieg. Auf dem Weg zur Schule sah ich große Schilder mit der Aufschrift „Juden verboten“ in vielen Schaufenstern. Die Naziflagge wehte vor beinahe allen Häusern in Breslau im Wind.
Eine Wohnung nach der anderen in unserer jüdischen Mietskaserne wurde durch Verhaftungen geleert. Die lähmende Angst in Verbindung mit den Verhaftungen rührte zum größten Teil daher, dass man nicht wusste, wohin die Gefangenen kamen: in ein Gefängnis oder in ein Konzentrationslager? In ein Arbeitslager oder in eine Gaskammer oder zu einem Erschießungskommando? So lebten wir in ständiger Furcht. Wann würden die Nazis kommen, um uns abzuholen?

Verhaftet
Als es zu dämmern begann, sah ich den Gestapo-Wagen direkt vor unser Haus fahren. Ich stand wie festgefroren, als zwei Männer aus dem Auto stiegen und die Treppenstufen zum Hauseingang hochgingen.
Die stampfenden Schritte kamen durch den Flur, doch diesmal gingen sie nicht an unserer Tür vorbei. Der Befehl „Aufmachen“ galt eindeutig Mutter und mir. Mein Herz klopfte vor Furcht. Jesus, wo ist der Frieden, den du versprochen hast?, betete ich im Stillen. Wie kommt es, dass Mutter und ich in diesem Moment solche Angst spüren?
„Wir sind gekommen, um Hilde Dittman zu verhaften“, bellte einer der beiden und schaute Mutter an. „Sie haben drei Minuten, um eine Tasche zu packen.“
Ich durfte meine Mutter noch bis zur Eingangstür der Synagoge begleiten, die zum Gefängnis umfunktioniert worden war. Mutter küsste mich auf die Wange und ging hinein, als der Gestapo-Mann mit den weichen, blauen Augen kam und meinen Arm nahm. „Du musst jetzt gehen“, sagte er. Seine Augen sahen mich traurig an, als er das Tor verschloss. „Es tut mir leid“, sagte er ganz leise. Hatte er sich noch nicht an solche Szenen gewöhnt?

Nachricht im Brot
Mutters Fortgang hinterließ einen Krater der Leere in meinem Herzen. Ich konnte mich bei der Arbeit nicht konzentrieren, und ich fühlte mich so einsam, dass ich kein Essen hinunterbekam. Ohnehin legte ich den größten Teil meiner Lebensmittelrationen für Mutter zur Seite. Ich erhielt die Bestätigung, dass man sie in das KZ Theresienstadt in der Tschechoslowakei gebracht hatte, wo sie einmal pro Woche ein Lebensmittelpaket erhalten durfte.
Als ich eines Abends heimkam, wartete die Vorladung der Gestapo zu Hause auf mich. Ich sollte mich am nächsten Morgen am Bahnhof einfinden. Ich musste Mutter die Nachricht von meiner Verhaftung zuschmuggeln.
Ich kaufte einen Zwei-Pfund-Laib Pumpernickel und rannte nach Hause. Auf dem Brotlaib befand sich ein dickes Firmenetikett. Sorgfältig schälte ich das Etikett ab und schnitt ein kleines Loch in den Brotlaib, gerade groß genug, um einen kleinen Zettel hineinzustecken, auf dem stand: „Liebe Mutter, ich werde morgen in ein Lager gebracht, sodass ich dir eine Weile kein Essen mehr schicken kann. Mach dir keine Sorgen um mich. Alles wird gut gehen. Wir werden uns bald wiedersehen! In Liebe, Anita“
Sorgfältig drückte ich den zusammengefalteten Zettel in den Brotlaib und drückte danach wieder das Etikett auf, sodass das Loch verdeckt war. Als ich das Bot eingewickelt hatte, spürte ich plötzlich eine erstaunliche Ruhe über mich kommen. Es war, als ob Gott seine Hand auf meine Schulter legte und mir mit sanfter Stimme sagte: „Anita, vertrau mir nur, und ich werde dich nie versäumen oder verlassen. Auch wenn du durch das Tal des Todesschattens gehst, brauchst du nichts Böses zu fürchten, denn ich bin bei dir.“

Gefangen im Lager
Mit mehreren Gefangenen wurde ich mit dem Zug in das Dorf Schmiegrode gebracht. Während uns Männer mit Gewehrkolben zum Weitergehen angetrieben, liefen wir zu einem verwitterten Arbeitslager, das nur aus einer Kuhscheune, einem Pferdestall und einem Hauptgebäude für das Nazi-Personal bestand.
Die Arbeit war unerbittlich. Man gab uns schweres Arbeitsgerät wie Schaufeln und Hacken. Wir mussten einen Bereich so lange bearbeiten, bis ein Graben von fast zwei Metern Tiefe entstanden war. Nach nur einem Tag hatten wir große Blasen an den Händen und unsere Rücken schmerzten furchtbar.

Auf nach Theresienstadt
Durch Gottes Hilfe konnte ich nach mehreren Monaten aus dem Gefangenenlager fliehen, allerdings hatte sich eine Blase an meinem Fuß so schlimm entzündet, dass ich in Bautzen mehrfach operiert werden musste.
Als ich endlich wieder auf den Beinen war, war der Führer tot und Deutschland lag in Trümmern. Irgendwie musste ich nach Theresienstadt gelangen, um Mutter zu suchen – ob zu Fuß, per Anhalter oder mit dem Zug.
Doch als ich dann vor dem Eingangstor von Theresienstadt stand, sank mir der Mut. Ein riesiger Totenkopf mit gekreuzten Knochen war darauf gemalt, darunter die Aufschrift: „Zugang strengstens verboten.“ Zwei russische Wachen sahen mich mit einem Blick an, der nicht auf Mitgefühl hoffen ließ. Plötzlich kamen der Kummer und das Leid der vergangenen Jahre an die Oberfläche und überwältigten mich. Ich schluchzte, barg meinen Kopf in den Händen und ließ Jahre der Traurigkeit in heißen Tränen herausfließen.
„In Ordnung“, sagte einer der beiden Wachmänner schließlich zu meinem Fahrer und mir und öffnete das Tor. „Fahren Sie sie zum Hauptbüro, das ist das weiße Gebäude am Ende des Weges. Danach drehen Sie um und verlassen das Gelände.“ „Oh, vielen Dank!“, rief ich mit tränennassem Gesicht.

Ein langersehntes Wiedersehen
Ich betrat das Gebäude, als eine ältere grauhaarige Frau zur Arbeit erschien. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte ich, „bin ich hier richtig, um mich nach einem ehemaligen Häftling zu erkundigen? Ich bin Anita Dittman, und ich suche meine Mutter Hilde.“ „Der Name ist mir nicht bekannt“, sagte sie. „Lassen Sie mich nachsehen.“ Lieber Gott, gib mir Kraft, die Antwort zu ertragen, betete ich im Stillen. Die ältere Frau kam mit einem breiten Lächeln aus dem Nebenraum zurück. „Hilde Dittman lebt hier im Lager, zusammen mit einigen anderen Frauen.“
Endlich stand ich auf dem obersten Treppenabsatz. Als die Tür aufging, sah ich Mutter auf der Bettkante sitzen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als wir einander anstarrten, beide unfähig, uns zu bewegen. Sie war blass und zwanzig Kilo leichter, doch ihre Augen hatten noch immer den Glanz, den ich von früher kannte. Dann gingen wir aufeinander zu, ohne ein Wort zu sagen. Mutter legte ihre Hände auf meine Schultern und sah mich einen Moment lang an, bevor wir in Tränen ausbrachen und uns fest umarmten, Gott im Stillen dankend. „Vor einer Stunde fuhr ein Bus nach Breslau ab. Ich hätte ihn nehmen können, aber ich hatte das sichere Gefühl, dass du hierhin kommen würdest.“

Endlich Freiheit
Später erfuhren wir, dass meine Schwester Hella noch am Leben war. Doch aufgrund der finanziellen Probleme Englands konnten wir nicht dorthin ausreisen, um sie wiederzutreffen. Stattdessen half uns das amerikanische christliche Flüchtlingskomitee, nach Amerika auszureisen.
Am 18. Juni 1946, als die ersten Sonnenstrahlen flüchtig den Horizont berührten, sahen wir die Freiheitsstatue, die in den nebligen Himmel ragte. Niemand sagte ein Wort. Es war mehr als passend, dass die Worte einer Jüdin, der Dichterin Emma Lazarus, die auf diesem Kunstwerk eingemeißelt sind, neunhundert heimatlose jüdische Flüchtlinge in der Freiheit willkommen hießen:
Gebt mir eure Müden, eure Armen,
eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
die bemitleidenswerten Abgelehnten eurer gedrängten Küsten;
schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!
Sende sie, die Heimatlosen, vom Sturm Gestoßenen zu mir.
Hoch halte ich meine Fackel am goldenen Tor.

Dieser Text erschien in LYDIA 4/2018. Es handelt sich um einen bearbeiteten Auszug aus dem Buch „Geborgen im Schatten deiner Flügel“ (Gerth Medien).

„Danke” an die Autorin

Der Beitrag hat Ihnen gefallen? Sagen Sie der Autorin mit einem Klick „Danke!“:

Was denken Sie?

Teilen Sie Ihre Gedanke mit uns und anderen Lesern! Wir freuen uns über Ihren Beitrag.

Ihre Gedanken zu dem Artikel?

Content ".nncomments-popover-content" wird per jQuery ersetzt.

Wir freuen uns über jeden Beitrag! Der Text erscheint inkl. Ihres Namens (falls angeben) auf der Lydia-Webseite. Weitere Informationen über die Speicherung der Daten finden Sie unter Datenschutz.

Ähnliche Artikel