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Vom Sehnen und SuchenZerrissen zwischen zwei WeltenInterview mit Feride Jäger

Wenn man ein Wort finden wollte, dass Feride Jägers Kindheit beschreibt, müsste es wohl „Zerrissenheit“ sein. Das junge Mädchen war zerrissen zwischen dem muslimischen Vater und der deutschen Mutter, hin und her gerissen zwischen den leiblichen Eltern und der Pflegefamilie. Zerrissen zwischen dem Wunsch nach Frieden und danach, so geliebt zu werden, wie es war. Und immer war da diese Sehnsucht, anzukommen. Erst als Feride Jäger Gott kennen und lieben lernte, kam ihre Seele zur Ruhe.

Frau Jäger, Sie hatten eine bewegte Kindheit. Würden Sie davon erzählen?
Wenn ich Erinnerungen an meine Mutter oder meinen Vater hervorhole, dann sind das in der Regel negativ besetzte Gefühle. Ich habe prägende Erinnerungsfetzen, sie fühlen sich zu neunzig Prozent nicht angenehm an. Ich glaube aber, es muss auch schöne Momente gegeben haben.

Ihre Mutter war Deutsche, ihr Vater war türkischer Abstammung. Wie lebten Sie als Familie?
Mein Vater war Muslim, beide waren nach islamischem Recht verheiratet. Mein Vater hatte noch eine andere Familie, mit der er zusammengelebt und die er ebenfalls versorgt hat. Er war aber auch Teil unserer Familie. Er war mal da und mal weg.

Wie war das für Sie?
Ich war noch sehr klein, ich habe erst im Nachhinein registriert, dass mein Vater in Verhältnissen gelebt hat, die nicht der westlichen Kultur entsprochen haben. Ich bewerte das nicht. Ich weiß ja bis heute nicht mal, unter welchen Umständen er nach Deutschland gekommen ist. (…)

Mit sechs Jahren kamen Sie in eine Pflegefamilie. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Die Pflegeeltern haben mich in all den Jahren sehr unterstützt. Aber sie sind manchmal mit den Fragen, die ich hatte, und mit meiner Art deutlich überfordert gewesen. Immer war auch die Angst da, dass ich ihnen irgendwann wieder weggenommen werden könnte. Mein Vater hatte offenbar jahrelang angedroht, mich mitzunehmen und in die Türkei zu bringen.

Wie ging es Ihnen mit der Situation?
Ich war tagsüber ziemlich wild und lebenslustig. Aber nachts hatte ich Albträume. Da kamen die Dämonen und im Schrank saß ein Angstgespenst. Das passierte, wenn ich zur Ruhe gekommen bin. Bis ins Erwachsenenalter habe ich immer unters Bett geguckt. (…)

Welchen Einfluss hatte das alles auf Ihre Identität, auf die Fragen: Wer bin ich und wo komme ich her?
Ich hatte den Wunsch, meine Pflegefamilie und die Familie meines Vaters und somit auch irgendwie mich selbst in Harmonie zu vereinen. Das war leider nicht möglich. Diese beiden Welten lassen sich nicht miteinander vereinen. Dadurch habe ich mich innerlich zerrissen gefühlt, wie ein Leben in Fragmenten. Das konnte und wollte ich nicht für mich akzeptieren. Ich musste also zum Kern und an die Wunden heran, auch wenn es wehtat. Nur so kann alles heilen.

Welche Rolle spielte der Glaube damals für Sie?
Gott hat für mich lange Jahre keine aktive Rolle gespielt. Kirchen als Orte haben mich dagegen schon immer angezogen. Die erste Erfahrung mit Gott habe ich mit neunzehn Jahren gemacht: Ich bin in den Dom gegangen und habe geschimpft und geweint, denn meine Probezeit bei einem Unternehmen sollte nicht verlängert werden. Mir wurde gesagt, ich habe die nötige Reife noch nicht. Da habe ich zu Gott gebetet und ihm und mir versprochen, etwas an meinem Leben wirklich zu ändern und nicht nur darüber zu sprechen. (…)

Wie stehen Sie heute zu Ihren leiblichen Eltern?
Ich maße mir nicht an, über sie zu urteilen. Ich habe nicht das Leben meiner Mutter gelebt. Ich bin nicht in den sozialen und kulturellen Umständen groß geworden, in denen sie groß geworden ist – oder kleingehalten wurde. Ich habe nicht die Erfahrung gemacht wie mein Vater, hierherzukommen in ein fremdes Land und nicht wertgeschätzt zu werden. Als Person, als Mensch, als Mann. Ich bin nicht der Richter meiner Eltern.

Ich habe den Eindruck, dass Sie von einer starken Sehnsucht angetrieben waren?
Ja. Die Sehnsucht ist der Grundantrieb, das Grundmotiv meines Lebens.

Ist Ihre Sehnsucht oder zumindest ein Teil davon jetzt gestillt?
Ich glaube schon. Ein Zuhause zu haben, in dem ich ganz sein kann, nicht in den Fragmenten meiner Jugend, das war und ist mein Lebenswunsch. Ich habe bei Gott eine Heimat gefunden, aus der ich nicht vertrieben werden kann. Ich würde jedem raten, es mit Gott zu versuchen. Nur er schenkt Heilung und ein wahres Zuhause. (…)

Text: Ellen Nieswiodek-Martin
Foto: Timo Scheven
Dies ist ein Auszug aus dem Interview mit Feride Jäger in LYDIA 1/2019.

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