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Schönheit entdeckenInterview mit Elizabeth Nehring

Elizabeth Nehring überrascht mich bei jedem Treffen. Als wir uns kennenlernten, trug sie einen eleganten Hosenanzug, beim nächsten Mal kommt sie mir sportlich in Jeans und weißer Bluse entgegen. Nicht nur bei der Kleidung steht die gebürtige Kamerunerin für Überraschungen: Die gelernte Heilpädagogin betreibt nebenberuflich eine Agentur für dunkelhäutige Models. Eine ungewöhnliche Kombination. Vormittags arbeitet die 39-Jährige im Büro, führt Gespräche und organisiert Fotoshootings, danach kümmert sie sich um Kinder in einer Kindertagesstätte. Wie sie auf die Idee kam, eine Agentur zu gründen und wie ihr Glaube in diese Tätigkeit hineinwirkt, erzählt sie im LYDIA-Interview.

Frau Nehring, Sie sind in Kamerun geboren. Erinnern Sie sich noch an das Land?
Ja, natürlich. Ich habe bis zu meinem achten Lebensjahr in Kamerun gelebt. Meine Mutter starb, als ich zwei Monate alt war. Ich bin zu Familie Nehring gekommen – daher auch mein deutscher Nachname. Meine Mutter kommt aus dem Schwarzwald, mein Vater aus Hessen. Meine Adoptiveltern haben 17 Jahre lang als Missionare in Kamerun gearbeitet; sie haben dort eine Missions- und Krankenstation und eine Gemeinde geleitet und in der Zeit neun Kinder adoptiert, zwei Pflegekinder aufgenommen und außerdem ihre eigenen zwei Kinder großgezogen. Ich bin sozusagen in einer Fußballmannschaft aufgewachsen. Bamumbu, der Ort, in dem ich aufgewachsen bin, war sehr idyllisch und von Bergen umgeben. Durch die Missionseinsätze meiner Eltern in unterschiedlichen Regionen haben wir das Land und die Bevölkerung gut kennengelernt. Schulunterricht hatten wir zu Hause über eine deutsche Fernschule.

War es für Sie ein Problem, dass Sie eine andere Hautfarbe haben als Ihre Eltern?
Da meine Eltern mich und meine Geschwister bedingungslos liebten und angenommen haben, spielte es für mich keine Rolle, dass sie eine andere Hautfarbe als mein Spiegelbild hatten.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, als Sie nach Deutschland kamen?
Weil ich bei der Einschulung in die dritte Klasse mit zwei Geschwistern in eine Klasse kam, habe ich den Übergang als nicht besonders schwierig empfunden. Die Integration verlief fast reibungslos, weil meine Eltern Deutsche sind und ich mit der deutschen Kultur aufgewachsen bin. In der fünften Klasse bestand ich darauf, die Aufnahmeprüfung in die Realschule zu machen, weil ich mich einfach nicht mit der Hauptschule identifizieren konnte. Ich schaffte die Prüfung als Einzige der elf Prüflinge. Dies war eine prägende Erfahrung, weil ich begriffen habe, dass ich die Macht habe, Dinge und Situationen, mit denen ich nicht einverstanden bin, zu verändern. Dieses Zutrauen und den Pioniergeist habe ich mir beibehalten.
Als Jugendliche fand ich es schwierig, welches Bild von Afrika in Deutschland und in anderen europäischen Ländern existierte. 1989 bis 2000 war eine Zeit, in der es auf dem afrikanischen Kontinent besonders kriselte und es mehrere Kriege, vor allem Bürgerkriege, gab. Es gab Brandherde in Äthiopien, Somalia, Ruanda, Sudan, Sierra Leone und Südafrika. Das Bild, das in Europa vermittelt wurde, war: Sorgenkind Afrika. Der verlorene Kontinent. Dritte Welt. Armut. Aids. Diese negativen Assoziationen mit meinem Herkunftsland, dem Kontinent und Schwarzen allgemein waren schwierig für mich. Das hat meine Selbstwahrnehmung und die Entwicklung meiner Persönlichkeit ein Stück weit beeinflusst. (…)

Sie sind Erzieherin und Heilpädagogin geworden und leiten eine Kindertagesstätte. Daneben betreuen Sie eine Modelagentur. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Kombination?
Schönheit hat mich schon immer fasziniert – in der Natur, in Form von Architektur oder Fotografie. Als Kind habe ich viel gezeichnet. Mit meinen Barbies habe ich Modenschauen aufgeführt und mit afrikanischen Stoffen meine eigenen Kreationen geschaffen. Bei der Berufswahl war für mich die Pädagogik aufgrund meiner außergewöhnlichen Familienverhältnisse und Erziehung das Naheliegende, da mich Familie, Gesellschaft und Politik von Haus aus sehr interessierten.

Was ist aus der Kreativität geworden?
(…) Ich wusste, dass ich nicht mein ganzes Leben als Pädagogin arbeiten wollte, da noch viele andere Leidenschaften in mir steckten. Deshalb sagte ich zu. Aber welches Start-up wollte ich gründen? Mich bewegten mehrere Themen. Ich hatte mich einige Jahre mit der Geschichte Afrikas befasst, vor allem mit den Auswirkungen von Kolonialismus und Sklaverei auf die Psyche der Schwarzen weltweit. In meiner Fotografie hatte ich bereits den Fokus auf die People-Fotografie gelegt und vermehrt dunkelhäutige Personen fotografiert. Afrikanistik und Literatur haben mich auch interessiert.
In der Zeit arbeitete mein Bruder als Model, und „Germany`s next Topmodel“ war in aller Munde. So entstand die Idee, mich über eine Modelagentur für ausschließlich dunkelhäutige Models für Schwarze in Deutschland stark zu machen. Die Gründungsidee war geboren. In meiner Bewerbung für das Projekt habe ich als Leitgedanken aufgeschrieben: „Discover beauty and recover Africa.“ Schönheit entdecken und Achtung für Afrika wecken. Die Auseinandersetzung und die Verknüpfung meiner Lebensthemen und der Mut, eine Gelegenheit am Schopf zu ergreifen, haben zu der interessanten Kombination Pädagogin und Modelagentur-Inhaberin geführt. (…)

Text: Ellen Nieswiodek-Martin
Foto: Hans Keller

Dies ist ein Auszug aus dem Interview in Lydia 2/2020.
 

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