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Unerschrocken in der KriseInterview mit Andrea Wegener

Andrea Wegener arbeitet seit 2018 auf der griechischen Insel Lesbos, zuerst im Flüchtlingscamp Moria, seitdem dieses abgebrannt ist, im neuen Camp Mavrovouni. Dort kommt sie immer wieder an ihre Grenzen und muss auch für sich selbst sorgen. Im Interview erzählt sie, wie sie diese und andere Herausforderungen bewältigt.

Frau Wegener, Sie haben vor drei Jahren Ihre Wohnung in Hessen aufgelöst und sind nach Lesbos gezogen. Ist Ihnen das schwergefallen?
Der ursprüngliche Plan war, dass ich nur für ein Jahr gehe. Ich hatte überlegt, ob ich das schaffe. Ich bin es auch gewohnt, in einem gewissen Rahmen zu arbeiten. Und dann mit 43 Jahren noch mal ganz neu anzufangen – das fand ich schon sportlich. Deshalb dachte ich: Ein Jahr mache ich das jetzt mal und dann schauen wir weiter. Nach einem Dreivierteljahr war aber klar, dass ich das länger machen möchte. Es hätte keinen Sinn ergeben, die Wohnung ständig unterzuvermieten. Ich habe mich von vielen Sachen getrennt und auch einiges eingelagert. Ich hatte eine Trauerphase, in der mir klar wurde: Das kostet mich etwas. Meinen Tanzkurs aufzugeben, die Gemeinde, die Wohnung, die Hausgemeinschaft mit meinen Vermietern, die Gemeinschaft bei meinem Arbeitgeber „Campus für Christus“. Ich habe viel Zeit gebraucht, um an den Punkt zu kommen, an dem ich gespürt habe: Ja, das ist jetzt dran. Und an dem die Fröhlichkeit zu gehen größer war als der Schmerz über das, was ich zurücklasse.

Wie leben Sie auf Lesbos?
Ich arbeite im Camp Mavrovouni, aber ich wohne außerhalb in einem Apartment. Vom Balkon aus kann ich das Meer sehen und die Türkei. Es herrscht ein großer Kontrast zwischen dem Leben im Camp und dem Leben außerhalb.

Vor Kurzem waren Sie auf Heimaturlaub in Deutschland. Da ist der Kontrast sicher noch größer. Wie erleben Sie das?
Oft habe ich das Gefühl, ich ertrage diesen Wohlstand kaum. Ich erinnere mich an ein Gespräch, wo zwei darüber diskutierten, ob sie ihre Ausfahrt mit diesen Steinen pflastern sollten oder mit jenen. Das hätte einen Unterschied von 40.000 Euro ausgemacht. Sie konnten sich einfach nicht entscheiden, weil beide schön waren. Ich dachte: Haben wir überhaupt noch eine Relation für das, was wir hier haben?

Wann haben Sie begonnen, in der humanitären Hilfe zu arbeiten?
Ich war 1997 ein halbes Jahr in Kenia, da ist sicher eine Spur gelegt worden. 2007 bin ich bei dem Missionswerk „Campus für Christus“ eingestiegen. Ich habe dort im Büro gearbeitet. Zuerst als Assistentin, später habe ich die Öffentlichkeitsarbeit geleitet. Von Anfang an hatte ich den Passus in meiner Arbeitsbeschreibung, dass ich mehrere Wochen im Jahr im Ausland anpacken darf. Im Herbst 2010 hatte ich viel Resturlaub und habe bei unserer Partnerorganisation „Global Aid Network“ (GAiN) angefragt, ob ich nicht vier bis sechs Wochen mit anpacken könnte, ob sie ein Projekt hätten, wo sie mich hinschicken könnten. So bin ich in Haiti gelandet, ein knappes Jahr nach dem Erdbeben. Ich habe im Büro mitgeholfen, Strukturen zu schaffen.

Einen solchen Arbeitseinsatz würden viele Menschen nicht als Urlaub bezeichnen … 
Beim Urlaub geht es ja auch um einen Szenenwechsel. Den hatte ich auf jeden Fall. Und ich plane das dann schon so, dass ich am Ende eines solchen Einsatzes noch ein paar Tage Erholung für mich habe.
Nach diesem Einsatz habe ich angefangen, mich mit dem Thema humanitäre Hilfe zu beschäftigen. Wie geht das mit Mission zusammen? Was sind die Antworten, die wir als Christen haben? Aus unseren Erfahrungen in Haiti ist das Katastrophenteam von GAiN entstanden. In Haiti war ich mehrere Male, auch im Irak. Diese Zeiten haben mich geprägt. Ich habe gemerkt: Mein Herz schlägt für Menschen in Extremsituationen. Und ich scheine von der Persönlichkeitsstruktur jemand zu sein, der das auch gut kann. Die Arbeit in Katastrophensituationen passt zu mir.
In einem Sabbatical habe ich für mich geprüft: Steckt da vielleicht eine Berufung drin? (…)

Dies ist ein Auszug aus dem Interview in Lydia 2/2021.
Text: Ellen Nieswiodek-Martin
Foto: Claudia Dewald


Kurz nach dem Brand im Flüchtlingscamp Moria 2020 war Andrea Wegener während ihres Heimaturlaubs zu Besuch in der LYDIA-Redaktion:

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