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Ein Stückchen Würde zurückgebenHolocaustüberlebende in Israel

Das jüdische Volk liegt Gott ganz besonders am Herzen. In der Bibel sagt Gott, dass er sein Volk aus allen Ländern sammeln und nach Israel zurückbringen wird: „Es soll meine Freude sein, ihnen Gutes zu tun, und ich will sie in diesem Lande einpflanzen in beständiger Treue, von ganzem Herzen und von ganzer Seele“ (Jeremia 32,41). Im Haifa-Heim der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ) erfüllt sich dieses Versprechen. Rund 70 bedürftige Holocaustüberlebende können hier einen Lebensabend in Würde und Gemeinschaft erleben, wo ihnen ganz praktisch Liebe erwiesen und Gutes getan wird.

Viele der rund 400.000 Holocaustüberlebenden weltweit haben ähnliche Schrecken durchlebt wie die 86-jährige Naomi Lichthois. Sie erzählt: „Zwei SS-Offiziere in Begleitung von Ukrainern mit Revolvern hämmerten an unsere Wohnungstür. Sie drangen ein und schlugen meiner Mutter hart ins Gesicht. Dann richteten sie einen Revolver auf uns. Meine Mutter zog mich schützend an sich, sodass eine Kugel uns beide töten würde – so müsste keine von uns allein zurückbleiben.“

„Nehmen Sie mein Leben!“

Naomi wird 1934 in Czernowitz in Rumänien (der heutigen Ukraine) geboren. Sie ist sechs Jahre alt, als der Krieg auch ihre Heimatstadt erfasst, und muss mit ihrer Familie ins dortige Ghetto übersiedeln. Während der Vater in ein Arbeitslager deportiert wird, dürfen Naomi, ihre Mutter und ihr Großvater nach drei Monaten überraschend in ihr Haus zurückkehren. Doch auch das ist gefährlich. „Es ist vorgekommen, dass auf Juden geschossen wurde, wenn einer von uns mit dem gelben Stern auf der Kleidung entdeckt wurde“, erinnert sich Naomi. „Wir sprachen zu Hause Deutsch. Mein Großvater, ein angesehener und frommer Mann, ein Kantor in der Synagoge, brachte mir Lesen und Schreiben bei. Er war bei uns, als uns die SS-Offiziere bedrohten. Alt und klein und ganz weiß im Gesicht warf er sich dem Offizier zu Füßen und flehte auf Deutsch: ‚Mein Herr, nehmen Sie mein Leben, lassen Sie meine Kinder leben!‘ Dann geschah ein Wunder: Der Offizier gab den anderen ein Zeichen. Daraufhin drehten sie sich um und gingen.“

Neue Heimat

Nach diesem Erlebnis fühlte sich die Familie in ihrem Haus nicht mehr sicher. „Bis die Russen Ende 1944 kamen, konnten wir uns bei einem älteren christlichen Paar verstecken. Gott sei Dank sind wir am Leben geblieben“, sagt Naomi. Der Vater überlebte ebenfalls, doch viele Verwandte kamen nicht zurück. Als 1948 der Staat Israel ausgerufen wurde, war Naomi überglücklich. „Ich sagte meinen Eltern: ‚Wir haben ein Land! Das müssen wir feiern!‘ Mein Vater beschloss: ‚Wir gehen alle nach Israel!‘ Und 1950 haben wir das gemacht.“
In Israel lernte Naomi ihren Mann Avraham kennen. Sie heirateten, gründeten eine Familie und halfen, den jüdischen Staat aus der Asche des Holocaust aufzubauen. Mutig stellten sie sich den vielen Herausforderungen – darunter immer wieder Krieg und Terror. „Wir haben alles mitgemacht, aber mit viel Liebe. Wir haben uns nicht beschwert“, betont Naomi. 2015 zog sie gemeinsam mit Avraham ins Haifa-Heim der ICEJ für Holocaustüberlebende. Hier fanden sie schnell Freunde. Vier Jahre später starb Naomis Mann nach 67 Jahren Ehe. Naomi ist zutiefst traurig, doch die Gemeinschaft und liebevolle Fürsorge im Haifa-Heim gibt ihr Kraft und Trost.

Die Zeit drängt

Nach Angaben der „Jewish Claims Conference“, die mit der deutschen Regierung Entschädigungsleistungen für NS-Opfer aushandelt, leben 40 Prozent der Holocaustüberlebenden, also 160.000 Menschen, unterhalb der Armutsgrenze ihres jeweiligen Wohnortes. Von den 193.800 Überlebenden in Israel ist knapp ein Viertel von Altersarmut betroffen. Durch ihre schrecklichen Erfahrungen während des Holocaust, besonders in den Konzentrationslagern, wurden einige so schwer traumatisiert, dass sie keiner geregelten Tätigkeit nachgehen konnten und heute nur eine spärliche Rente erhalten. Gesundheitliche Probleme, oft zurückgehend auf die Mangelernährung in ihrer Kindheit, ziehen hohe Kosten nach sich – manche müssen entscheiden, ob sie Lebensmittel oder Medikamente kaufen. Viele kämpfen mit Einsamkeit. Untersuchungen zeigen, dass sich die Auswirkungen traumatischer Erlebnisse, die Jahre zurückliegen, im Alter nicht abschwächen, sondern intensivieren. Tief vergrabene Erinnerungen kommen zurück, Schlafstörungen und Albträume treten auf. Doch die Gesellschaft anderer, die ebenfalls durch schweres Leid hindurchgegangen sind, gibt emotionalen Halt.
Dies ist die Zielsetzung des Heims in Haifa. ICEJ-Präsident Dr. Jürgen Bühler erzählt: „Das Haifa-Heim ist eins der fröhlichsten Altenheime, die ich kenne. Was war, können wir nicht wiedergutmachen. Aber wir können ihre Herzen erreichen, Segen und ein Stück Heilung bringen.“ Es ist den Holocaustüberlebenden besonders wichtig, dass ihre Lebensgeschichten nicht vergessen werden. Sie freuen sich, dass Christen aus aller Welt an sie denken, sie besuchen, für sie beten und durch ihre finanzielle Unterstützung, zum Beispiel durch eine Patenschaft für Holocaustüberlebende, dazu beitragen, die laufenden Kosten des Heims, das durch Spenden getragen wird, zu decken.

Liebevolle Fürsorge

Naomi ist dankbar, dass sie im Haifa-Heim ein Zuhause gefunden hat. Hier wird ihr Aufmerksamkeit geschenkt, die Mitarbeiter und Helferinnen kümmern sich um das, was sie braucht, und sie erhält gute medizinische Versorgung. Wenn die einschränkenden Corona-Maßnahmen wieder gelockert werden, kann sie ihre Mahlzeiten wieder in Gemeinschaft im Speisesaal des Heims einnehmen und auch die verschiedenen wöchentlichen Freizeitaktivitäten wahrnehmen. Eine besondere Freude sind Geburtstage und Feste, die gemeinsam mit Tanz und Musik gefeiert werden.
Vier christliche Helferinnen aus Deutschland haben sich entschieden, für mindestens ein Jahr bei freier Kost und Logis im Haifa-Heim mitzuarbeiten, darunter eine Altenpflegerin und eine Physiotherapeutin. Liebevoll kümmern sie sich um die Senioren und nehmen sich Zeit für intensive Gespräche. Ihr hingebungsvoller Einsatz hat bei vielen Holocaustüberlebenden einen tiefen Eindruck hinterlassen. „Vor Corona haben wir jeden Abend Karten gespielt oder uns zu Tanz und Gymnastik getroffen. Dann mussten wir allein im Zimmer sitzen“, erzählt Naomi. „Diese Mädchen kamen mit Mundschutz und Handschuhen herein, saßen ein paar Schritte entfernt und wir hatten gute Gespräche. ‚Ich liebe dich wie meine Großmutter‘, sagten sie“, erinnert sich Naomi lächelnd. Im Haifa-Heim hat sie nicht nur ein Zuhause gefunden, sondern eine Familie.

Birte Scholz ist Mitarbeiterin des deutschen Zweigs der ICEJ.
Weitere Informationen zu Patenschaften für Holocaustüberlebende gibt es unter patenschaft.icej.de
Dies ist ein leicht gekürzter Artikel aus Lydia 4/2020

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