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Ein Kind um jeden Preis?

Auf den „Kinderwunsch-Tagen“ in Berlin konnten sich kinderlose Paare über mögliche Wege zum Wunschbaby informieren. Doch hinter der Fassade medizinischer Machbarkeit verbirgt sich ein weites Feld von ethischen Fragen und Problemstellungen.

Es herrscht reger Betrieb bei den „Kinderwunsch-Tagen“. Single-Frauen, junge und etwas ältere Paare schlendern durch die Hotelhalle. Auf den Stellwänden der Aussteller lachen fröhliche Babys, werden schwangere Bäuche und Familienglück präsentiert. Kinderwunschbehandlungen im Ausland lassen beinahe Urlaubsgefühle aufkommen. Medizintourismus liegt auch beim Kinderwunsch im Trend.
Rappelvoll ist das Seminar zum Thema „Reproduktive Optionen für die Patientin 40+“ – nicht verwunderlich, wird doch aufgrund der Lebens- und Berufsplanung das Kinderkriegen gerne aufgeschoben bis zu einem Alter, in dem es „von selbst“ nicht mehr so einfach klappt. Die Reproduktionsmedizin suggeriert: „Alles ist möglich.“ Manches davon allerdings nur im Ausland, weil es in Deutschland nicht erlaubt ist. Ein Grund, warum der Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren (BRZ) Deutschlands nicht bei den „Kinderwunsch-Tagen“ vertreten ist. Der Vorsitzende Ulrich Hilland erklärt: „Wenn es eine reine Informationsveranstaltung wäre, würden wir sicher einen Stand haben. Aber hier geht es um das Verkaufen. Leihmutterschaft, Eizellenspende – das ist in Deutschland zweifelsfrei verboten. Da wird schon heftig geworben, das entspricht nicht unserer Vorstellung, wie man mit diesem Thema umgehen sollte.“

Gebärmutter leihen?
Im Seminar über Leihmutterschaft stellt der Arzt Ioannis Zervomanolakis die Möglichkeiten in Griechenland vor. Eine Juristin erzählt von schnellen Gerichtsverfahren vor der Behandlung in Griechenland und erläutert, dass in der Geburtsurkunde die Leihmutter nicht auftauche und der uneigennützige Aspekt für die griechischen Frauen im Vordergrund stehe. Dank Kaiserschnitt könne alles so getimt werden, dass die Eltern zur Geburt vor Ort seien.
Die Leihmutterschaft, bei der eine Frau ihre Gebärmutter zur Verfügung stellt, ist bekannt aus der Welt der Schönen und Reichen. Zum Beispiel ließen Reality-TV-Star Kim Kardashian und Rapper Kanye West, Nicole Kidman und Keith Urban oder Robert de Niro und seine Frau ihre Kinder von Leihmüttern austragen. In Deutschland und vielen EU-Staaten ist Leihmutterschaft verboten, in manchen Ländern ist sie unter der Bedingung erlaubt, dass die Leihmutter keine Bezahlung, sondern nur eine Aufwandsentschädigung bekommt.

Baby aus der Tiefkühltruhe?
Die Eizellenspende, ein weiterer Weg zum Wunschkind, wird bei den „Kinderwunsch-Tagen“ von einer Ärztin aus Spanien vorgestellt. Das Kinderwunschzentrum in Alicante bietet Studentinnen kostenloses „Social Freezing“ an – eigene Eizellen werden zur Erfüllung eines Kinderwunsches in späteren Jahren eingefroren. Dazu müssen sie ihre Eizellen anderen für eine künstliche Befruchtung zur Verfügung stellen. Alles werde medikamentös gesteuert, erklärt die Ärztin, Hormonbehandlungen versprechen eine bessere „Eizellenausbeute“. Zum Einsetzen der befruchteten Eizellen kommt die Frau nach Spanien und fliegt im Idealfall nach ein bis zwei Wochen „Befruchtungsurlaub“ schwanger wieder nach Hause.
Die in Spanien zulässige Methode ist in Deutschland verboten. „Frauen gehen ins Ausland, wissend, dass sie nach deutschem Recht eine Straftat begehen – für die sie aber hier nicht bestraft werden. Das ist kein guter Zustand“, kritisiert Ulrich Hilland. Der BRZ würde es begrüßen, wenn die Eizellenspende in Deutschland erlaubt würde. „Eizellenspenden im Ausland erfolgen im Regelfall anonym“, erklärt der Vorsitzende. „Die Kinder, die daraus hervorgehen, können nicht ohne Weiteres herausfinden, wer ihre biologische Mutter ist. Man könnte eine Eizellenspende unter deutschen Standards durchführen und hätte für diese Kinder wie bei den Samenspenden ein entsprechendes Register.“

Vieles ist machbar
Samenspende – ein weiteres Thema bei den „Kinderwunsch-Tagen“. Hanna ist „freiwillige Solo-Mama“. Nachdem ihr Partner ihrem Kinderwunsch eine Absage erteilt hatte, entschied sie sich für eine Samenspende, auch wenn es ihr zunächst komisch erschien, „sich nur das Sperma eines Mannes aus irgendeinem Online-Katalog zu suchen“. Inzwischen ist ihr Sohn drei Jahre alt. Sie erzählt von ihren Selbstzweifeln im Vorfeld und vom tiefen psychischen Loch, als es mit der ersten Samenspende nicht klappte. Dass hinter all den medizinischen Begriffen Menschen mit Gefühlen stecken, bekommt man in vielen am Rande geführten Gesprächen mit: Da geht es um die seelische Belastung nach etlichen erfolglosen Verfahren, aber auch um Partnerschaften, die am unerfüllten Kinderwunsch zerbrechen.
Die Samenspende ist in Deutschland zulässig. Daneben gibt es hierzulande einige Möglichkeiten für kinderlose Paare, Eltern zu werden. Etwa die künstliche Befruchtung, für die eigene Eizellen genutzt werden. In Deutschland gab es 2016 laut dem BRZ rund 17.000 Geburten infolge reproduktionsmedizinischer Maßnahmen im engeren Sinn, also durch Befruchtungen außerhalb des Körpers.
Ob innerhalb der deutschen Legalität oder mit Hilfe aus dem Ausland – vieles ist medizinisch machbar für Paare, die sich ein Kind wünschen. Aber die Methoden werfen nicht nur rechtliche, sondern auch ethische Fragen auf.

Unbeantwortete Fragen
Was geschieht zum Beispiel mit den überzähligen befruchteten Eizellen, die nach einer Kinderwunschbehandlung eingefroren werden? Die Embryonenspende ist eine rechtliche Grauzone, die weitere Fragen aufwirft. Wie sieht es mit den nicht unerheblichen gesundheitlichen Risiken für Eizellenspenderinnen durch die hormonelle Stimulation aus? Wie sollte man die kommerzialisierte Leihmutterschaft bewerten, die Frauen aus wirtschaftlicher Not heraus ihren Bauch vermieten lässt? Was passiert, wenn bei dem Baby im Bauch der Leihmutter eine Behinderung oder Krankheit festgestellt wird und die Auftraggeber-Eltern das Kind nun nicht mehr wollen?
„Eine Grenze zu definieren, kann nur die Aufgabe des Gesetzgebers sein“, meint Ulrich Hilland. „Persönlich bin ich der Auffassung: Nicht alles, was machbar ist, sollte tatsächlich durchgeführt werden. Dann wird das Geschöpf zum Schöpfer.“
Für viele Eltern ist der Weg zum Wunschbaby eine regelrechte Tortur. Manchmal lassen Paare so viele Behandlungen durchführen, dass sie währenddessen psychisch krank werden. Die Familientherapeutin Petra Thorn bietet eine psychosoziale Kinderwunschberatung an. Sie ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung (BKiD) und Mitglied im Ethikrat. In ihrer Praxis im hessischen Mörfelden berät sie Paare unter anderem zu Themen wie Samen- und Eizellenspende oder gibt Rat, wie die daraus entstandenen Kinder aufgeklärt werden können.
Ihrer Erfahrung nach geht die Entscheidung für oder gegen bestimmte reproduktionsmedizinische Verfahren bei zahlreichen Paaren an die Substanz. „Für viele ist der unerfüllte Kinderwunsch eine existenzielle Lebenskrise. Das ist kein kleines Problem, wie es manchmal in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, sondern eine tiefgreifende Krise für viele Paare. Da stellen sich unzählige Fragen“, erklärt die Therapeutin.

Und was ist mit den Kindern?
Betroffene Kinder finden beim Verein „Spenderkinder“ Unterstützung. Viele von ihnen erzählen auf der Website ihre Geschichte. Seit Juli 2018 schreibt das Samenspenderregistergesetz in Deutschland vor, dass alle ärztlich vermittelten Samenspenden bei einer zentralen Stelle dokumentiert werden müssen. Für die davor geborenen Kinder ist die Suche nach dem genetischen Vater akribische Detektivarbeit.
Zu den Vereinsgründerinnen gehört auch Anne Meier-Credner. Als Zehnjährige wurde sie von ihren Eltern aufgeklärt und machte sich mit zwanzig auf die Suche nach ihrem Erzeuger. Bisher war sie nicht erfolgreich. Acht von zehn Spenderkindern wollen ihren genetischen Vater irgendwann kennenlernen, weiß die gelernte Psychologin. „Die rein technische Sicht reicht dann nicht mehr, der Mensch dahinter wird wahrgenommen. Umgekehrt wünschen sich die Kinder, von diesem Menschen ebenfalls als Person wahrgenommen zu werden. Der hat damals vielleicht nur gedacht: Ich verdiene mir ein bisschen was dazu. Das kann für das Kind verletzend sein, wenn der genetische Vater überhaupt kein Interesse an ihm hat.“
Sie plädiert dringend für eine psychosoziale Beratung von Eltern, die eine Samenspende in Betracht ziehen. „Da muss deutlich gemacht werden: ‚Samenspende‘ ist mehr als ein rein medizinisch-technisches Konzept: Wir haben es mit einer Familiengründung zu dritt zu tun. Es ist wichtig, dass sich alle Beteiligten von Anfang an als Menschen wahrnehmen.“ Dazu gehöre auch der genetische Vater, er sollte nach ihrer Ansicht „unbedingt darüber aufgeklärt werden, dass da Menschen entstehen, die ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit später kennenlernen möchten“.

Wo liegen die Grenzen?
Das Gespräch mit der jungen Frau und der Besuch der „Kinderwunsch-Tage“ hinterlassen viele Fragen. Was macht Elternschaft eigentlich aus? Welche Folgen hat eine Aufspaltung zwischen genetischer und sozialer Elternschaft? Werden Kinder zur Handelsware? Wie weit gehen wir beim Zusammensetzen genetischer „Bauteile“ – auch mit Methoden, die in unserem Land verboten sind?
„Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten“, schrieb Paulus (1. Korinther 10,23). Damals ging es um eine andere Gewissensfrage. Er betont damit die große Freiheit, die wir haben, aber auch die Verantwortung, die damit verbunden ist – eine Verantwortung, die vor allem den Schwächeren im Blick hat.

Christina Bachmann
Dieser Artikel erschien in LYDIA 2/2019.

 

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