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Das große SchweigenSehnsucht nach den Eltern – Kriegskinder und ihre Nachkommen

Als Deutschland 1945 kapitulierte, hatten die Menschen sieben Jahre Krieg hinter sich. Ein großer Teil des Landes war zerstört. Vor allem Großstädte wie Berlin, Hamburg oder Dresden waren durch die starken Bombardierungen betroffen. Während viele Menschen durch den Schrecken des Krieges traumatisiert waren, blieb ihnen keine Zeit, das Erlebte zu verarbeiten: Der Wiederaufbau und das Überleben standen im Vordergrund.
Für die Kinder dieser Generation, auch Kriegskinder genannt, bedeutete dies, dass die eigenen Nöte und kindlichen Sorgen keinen Platz hatten. Sie waren überfordert von der erlebten Gewalt, konnten jedoch mit niemandem darüber sprechen. Häufig mussten sie die belasteten Eltern unterstützen und funktionieren. Nahrungsmittel waren rationiert und viele litten Hunger. Vor allem in den Städten der sowjetischen Besatzungszone wurden auch Frauen zur Beseitigung von Schutt und Trümmern herangezogen. Eine mühevolle, verpönte Arbeit, die in Westdeutschland hauptsächlich professionelle Firmen oder Kriegsgefangene erledigten.

Allein mit dem Schrecken
Wenn der Vater im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft geblieben war, wuchsen die Kinder vaterlos auf. Die Mütter mussten die Kinder allein versorgen und erziehen. Viele Kinder hofften, dass der Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehren würde. Das Warten konnte Jahre dauern. Wenn er dann kam, war er häufig nicht der idealisierte Papa, auf den sie so lange gewartet hatten. Verstört durch die schrecklichen Erlebnisse, waren die meisten Väter keine Stütze für ihre Familien. Viele gerieten durch den seelischen Schmerz in Alkohol- oder Tablettenabhängigkeit oder waren gewalttätig und nicht belastbar.
Für traumatisierte Mütter und Väter gab es damals keine psychologische Hilfe. Sie mussten allein mit dem erlebten Leid und den Fragen von Schuld und Verantwortung umgehen. In den ersten Kliniken wurden zwar Ende der Vierzigerjahre psychosomatische Abteilungen gegründet, aber die Gesellschaft war mehrheitlich der Meinung, dass die Seele von allein heilen müsse. Insbesondere traumatisierte Männer, die mit dem Erlebten nicht klarkamen, galten als schwach. Erst in den Achtzigerjahren begann sich die Psychotherapie weiterzuentwickeln und man sah Traumata nicht mehr als persönliches Problem an, mit dem jeder selbst fertig werden müsse.

Schweigen statt Reden
Für die traumatisierten Menschen gab es nach dem Krieg oft keine Rückzugsmöglichkeit, um innerlich zur Ruhe zu kommen. Die Wohnverhältnisse waren beengt: zum einen, weil viele Häuser zerstört waren, zum anderen, weil Flüchtlinge aus dem Osten einquartiert werden mussten. Hinzu kamen die Lebensmittelknappheit und die Kälte, die den Menschen schwer zusetzte. Vor allem im bitterkalten Winter 1946/47 gab es hunderttausende Hunger- und Kälteopfer. Viele Kinder sammelten Kohle zum Heizen der Öfen ein, die von vorbeifahrenden Güterzügen fiel, oder wurden losgeschickt, um Lebensmittel, Baumaterialien oder andere Dinge aufzutreiben. Manch einer stahl, um zu überleben.
Inmitten dieser Not drehten sich die Gespräche um Themen des täglichen Überlebens oder Belanglosigkeiten. Für die meisten Familien war es normal, über die vergangenen Kriegsjahre nicht zu sprechen, die Vergangenheit quasi totzuschweigen. Ein Kind, das Fragen stellte, war nicht erwünscht. So blieb ein Großteil der Kinder innerlich einsam, verunsichert und überfordert von der Gegenwart und der Vergangenheit. Sie trugen die Last der Eltern mit und leisteten ihren Beitrag zum Überleben.

Verdrängen der Vergangenheit
In der Nachkriegszeit ging es für die Menschen vor allem darum, wieder ein Gefühl von Sicherheit zu bekommen. Das Streben nach materiellem Wohlstand und geordneten Verhältnissen war vorrangig und ließ keinen Platz für verdrängte Traumata. Kinder hatten brav und lieb zu sein und durften den Eltern nicht zur Last fallen. Prügelstrafen in der Schule und zu Hause waren ein gängiges Erziehungsmittel.
Da die Kriegskinder kaum Trost erfuhren, fiel es ihnen später selbst schwer, ihre eigenen Kinder zu trösten. Auch die strenge, teilweise gewalttätige Erziehung gaben viele Kriegskinder weiter. Ihre Kinder, genannt Kriegsenkel, erlebten ihre Eltern als emotional distanziert und fühlten sich für sie verantwortlich. Da viele Kriegsenkel, im Gegensatz zu ihren Eltern, in relativem Wohlstand und Sicherheit aufwuchsen, verstanden sie nicht, warum sie sich unsicher, ungeliebt und freudlos fühlten.
Wenn sie den Erziehungsstil ihrer Eltern hinterfragten, wurden sie mit deren mangelnder Fähigkeit, Schuld einzugestehen, konfrontiert. Botschaften wie „Es hat dir doch nicht geschadet!“, „Wir meinten es doch nur gut!“ oder „Sei nicht so undankbar!“ haben viele Kriegsenkel zu hören bekommen, wenn sie ihre Eltern mit deren Versäumnissen konfrontierten. Schuld eingestehen und sich selbst zu reflektieren hatten diese nicht gelernt. Ihre Eltern hatten es nicht anders gemacht. Verdrängung prägte noch viele Jahre nach dem Krieg den Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Manche haben sich nie mit den Kriegserlebnissen auseinandergesetzt – zu groß und schmerzhaft war die Angst vor den schrecklichen Erinnerungen.
Häufig zeigen sich die Traumafolgen bei den Kriegskindern erst im hohen Alter. Dann brechen die Erinnerungen über die Betroffenen herein und sie erleben Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung mit Ängsten, Albträumen, psychosomatischen Beschwerden oder Gefühlen des Wiedererlebens.
Für die Kriegsenkel kann das Wissen um das Leid der Eltern dazu führen, dass sie besser verstehen können, warum sie ihre Eltern vielleicht als lieblos und distanziert erlebt haben. In der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Eltern kann ihnen bewusst werden, woher ihre eigenen Probleme kommen. Der Dialog mit den Eltern bietet die Chance, sich mit ihnen und der eigenen Vergangenheit zu versöhnen und vergeben zu können.
„Vergebt einander, so wie Gott euch durch Christus vergeben hat“ (Epheser 4,32), steht in der Bibel. Wenn Vergebung schwer fällt, kann es hilfreich sein, sich daran zu erinnern, dass jeder Mensch Vergebung nötig hat und wir einen gnädigen Gott haben, der auch uns vergibt, wenn wir ihn darum bitten.

Julia Schlicht hat Deutsch, Geschichte und Sachunterricht auf Lehramt studiert und lebt in Hannover. Sie liebt Geschichten, die inspirieren und sie zum Nachdenken bringen. Dieser Artikel erschien in Lydia 1/2020.

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1 Kommentar

Ja, der Text trifft den Nerv der Nachkriegsjahre. Wir Kinder mussten damals funktionieren; die Eltern waren sehr beschäftigt mit Instandsetzung unsres Hauses, mit neuer Berufssituation, mit der sie klar kommen mussten und natürlich nicht zuletzt mit ihren Kriegstraumata, die verdrängt zwar, sich aber oft in eruptiven Gefühlsausbrüchen niederschlugen. Schläge gab es viele, wofür, mussten wir uns damals oft fragen. Aber als Kind fragte man nicht; das wurde atmosphärisch erspürt. Sehr viel später ging mir über vieles ein Licht auf, über die Härte auch der Geschicke unserer Eltern, über ihren zähen Überlebenskampf, und es kam zu einer milderen und angemesseneren Einschätzung unserer Kindheitsjahre bzw der Elterngeneration. Wie heißt es? Wer vieles versteht, kann vieles verzeihen.

Astrid Keil
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