Unerwarteter Besuch

Von verzweifelter Angst zu großer Hoffnung

 

 

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Für uns ist Ostern ein Fest der Freude. Doch wie war das damals vor mehr als 2000 Jahren für die Jünger, die Jesu grausame Hinrichtung miterlebt hatten? Die Bibel berichtet in Lukas 24,36–49 und Johannes 20,19–31 davon, dass dieser erste Ostermorgen vor allem geprägt war von einem Gefühl: Angst!

Geschlossene Gesellschaft – mit diesen Worten könnte man das Verhalten der Jünger nach der Kreuzigung Jesu überschreiben. Sie hatten sich eingeschlossen, die verängstigten und besorgten Männer und Frauen. Der harte Kern, aber mit ganz weichen Knien. Gesprächsstoff gab es genug: „Sollte es wahr sein, was die Frauen sagten, dass Jesus auferstanden ist? Hat der Auferstandene wirklich die beiden Männer auf dem Weg nach Emmaus begleitet? Ist er tatsächlich Simon erschienen? Und wenn ja, warum nicht auch uns? Ist die Sache mit der Auferstehung frommes Wunschdenken oder Realität?“ Fragen über Fragen.
Und mit einem Mal sagt da jemand ganz unvermittelt: „Friede sei mit euch.“ Die Angst, die sich ohnehin breitgemacht hat unter ihnen, greift noch mehr um sich. Wenn die Angst uns erst mal im Griff hat, kann es passieren, dass wir unsere Umgebung nicht mehr richtig wahrnehmen. So war es vermutlich bei den Jüngern damals. Das Unerklärliche erklären zu wollen bringt sie jetzt auch noch zu dem Kurzschluss: Es ist ein Geist!

Ohne anzuklopfen

Es ist ein Geist! – so dachten dieselben Jünger schon einmal, als sie in einer lebensbedrohlichen Situation im Boot auf dem See Genezareth waren und Jesus auf dem Wasser zu ihnen kam. Heute kam er zwar ungebeten, aber nicht ungelegen in ihren Kreis der Ratlosen und Verzweifelten. Er kam, ohne sich anzukündigen, ohne anzuklopfen, war plötzlich einfach da und stellte sie infrage.
Wie ist das eigentlich mit den Fragen Jesu? Wie ist das eigentlich, wenn Gott – auch an anderen Stellen in der Bibel – Menschen infrage stellt? Fragen lösen bei dem, der infrage gestellt wird, etwas aus. Als Erstes wird die Zunge gelöst: Unfassbares, Unbegreifliches darf ausgesprochen werden. Es tut den Jüngern gut, ihre Angst hinterfragen zu lassen. Es tut auch mir gut. Und nicht selten ist es schon ein erster Befreiungsschlag, die Gedanken des Herzens in Gottes Gegenwart in Worte zu fassen.
Bezeichnend ist, dass der Auferstandene ihre Blicke weglenkt von dem, womit sie beschäftigt sind – mit sich selbst – und hinlenkt zu ihm. „Schaut euch meine Hände und Füße an: Ich bin es wirklich!“ „Ich bin“, mit eben diesen Worten manifestiert Gott schon im Alten Testament seine Gegenwart unter den Menschen. So stellt sich Gott seinem Volk Israel vor. „Ich bin, der ich bin.“ Ich bin es wirklich, und eben kein Geist. Seht und begreift, im wahrsten Sinne des Wortes: begreift, fasst an, greift zu, ich bin es.
Wir Menschen können uns wohl einschließen, aber wir können Jesus nicht ausschließen. Gerade denen, die hinter verschlossenen Türen sitzen, öffnet Jesus die Augen für seine Wirklichkeit. Trendforscher bescheinigen unserer Gesellschaft den zunehmenden Hang zum Individualismus, dem sogenanntem „Cocooning“, dem Verpuppen, Verschließen, Zurückziehen. Offensichtlich liegen die Ursachen dafür in zunehmender Angst und Vereinsamung. Da tut es gut zu wissen, dass für Jesus verschlossene Türen in Häusern und Wohnungen und verschlossene Türen in Herzen kein Problem sind.

Neues Verständnis

Sehr behutsam spricht Jesus den wunden Punkt seiner Nachfolger an. An einer Stelle waren sie noch immer verschlossen, obwohl ihnen die Augen bereits geöffnet waren: Es fehlte ihnen am Verständnis der Schrift. Jesus erinnert sie an das, was sie in der Glaubens- und Lebensschule bei ihm gelernt hatten: Von ihm, dem Christus, dem Gesalbten, dem König ist schon im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen die Rede. Nicht nur, dass er kommen, sondern auch, dass er leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen würde. Die Schriften kannten sie. Aber Schriftkenntnis allein genügt nicht. Das Wort Gottes will in der Schrift erkannt und verstanden werden. Und daraus folgt als logische Konsequenz der Auftrag: „Alle Völker sollen diese Botschaft hören. Gott wird jedem, der zu ihm umkehrt, die Schuld vergeben.“ Und der Weg zu den Völkern, zu den Menschen ohne Gott, beginnt vor der eigenen Haustür.

Heiner Eberhardt ist als Referent für Gemeindearbeit im Dienst der Fackelträger im In- und Ausland unterwegs. Dieser Artikel erschien in LYDIA 2/2017.

     

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