Ist Gott an allem schuld?

 

 

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Samuel Koch ist seit seinem Unfall in der Fernsehsendung „Wetten, dass..?“ im Dezember 2010 querschnittgelähmt. Warum er Gott nicht die Schuld daran gibt, verrät er in diesem Artikel.

Mein Lieblingsbuch, der „Sobotta“ (Atlas der Anatomie des Menschen in drei Bänden), ist ein über tausend Seiten starkes Standardwerk. Wenn man es liest, wird einem klar, was für ein unglaublich komplexer Organismus der menschliche Körper ist, wie krass wunderschön und genial und funktional er ist und was für eine hoch spezialisierte Abfolge von Aktionen und Reaktionen nötig ist, um beispielsweise nur einen Finger zu bewegen – ganz zu schweigen davon, Geige zu spielen. Eigentlich kann man nach der Lektüre dieses Buches oder auch nur weniger Seiten davon nicht mehr an so etwas wie die Evolutionstheorie glauben. Denn auch Jahrmillionen von Zufällen und Entwicklungsschritten können das erwiesenermaßen nicht erklären. Mir jedenfalls macht unter anderem der Sobotta überdeutlich, dass hinter alledem eine intelligente Energiequelle steckt; wie ich glaube, ein intelligenter Designer, der erst mal nichts ungelenkt ließ.

Von selbst entsteht nur Chaos

Jeden Tag beobachte ich, was passiert, wenn man Handy-Kopfhörerkabel in eine Tasche steckt: Sie verheddern sich unweigerlich innerhalb kürzester Zeit und bilden Knoten. Das kommt dabei heraus, wenn man Dinge sich selbst oder dem Zufall überlässt – Chaos.
Die Option, dass es Gott nicht gibt und der Glaube nur eine Krücke ist, habe ich wieder verworfen.
Obwohl ich noch derselbe bin und Gott wahrscheinlich auch, hat sich meine Sicht von Gott verändert. Anscheinend ist er anders, als ich dachte. Trotzdem: Wer einen kaputten DVD-Player hat, reklamiert ihn im Fachgeschäft. Und so wende ich mich mit meinem defekten Rückenmark logischerweise ebenfalls an den Hersteller, nachdem der Kundendienst mir nicht helfen konnte.
Leider scheint Gott andere Prioritäten zu haben als physische Gesundheit und Beweglichkeit. Was nicht heißt, dass er meinen Unfall gewollt hat. Ein allwissender Gott hat natürlich vorher gewusst, was passieren würde, und er hat es nicht verhindert – aber mehr kann ich ihm wirklich nicht vorwerfen. Ich war es, der die freie Entscheidung getroffen hat, über dieses Auto zu springen.

Vom freien Willen

Der freie Wille – eins der größten Geschenke, die uns Gott gemacht hat. Es macht für mich wenig Sinn, Gott für alles Leid auf der Welt verantwortlich zu machen, da recht offensichtlich wir Menschen durch unsere Entscheidungen den größten Prozentsatz dieses Leids verursachen. Und Gott respektiert unseren freien Willen. So gesehen, wäre es absurd, wenn ich meine geliebte Unabhängigkeit auslebe und dann denjenigen anklage, der sie mir geschenkt hat.
Ich glaube nicht, dass es „sein Plan für mein Leben“ war, dass ich gelähmt bin. Ohnehin bezweifle ich, dass es einen in Stein gemeißelten Plan für mein Leben gibt, dem ich folgen muss, und wenn ich es nicht tue, habe ich den Weg verfehlt.
Weil mein Weg so offensichtlich schiefging, denke ich schon manchmal: Mensch, hättest du das Stipendium in den USA angenommen oder dich beim Cirque du Soleil beworben! Hättest du doch das Privileg der Pilotenausbildung bei der Bundeswehr genutzt! Aber andererseits: Wer weiß, was dann gewesen wäre. Vielleicht wäre ich vom Trapez oder in Afghanistan gefallen.
Daher gefällt mir die Vorstellung ganz gut, dass Gott eher ist wie ein Navi, das immer das Ziel im Auge behält und, wenn ich anders abgebogen bin, seelenruhig sagt: „Die Route wird neu berechnet.“

Der Gott des Alltags

In einem Gottesdienst fragte mich ein junges Mädchen, noch nicht mal im Konfirmationsalter, wie es sich anfühlt, mit Gott im Alltag zu leben. Überraschenderweise eine Frage, die ich so noch nicht gestellt bekommen habe und die mich erst mal ins Grübeln brachte.
Ich erzählte ihr von einem besonderen Trainer aus dem französischen Leistungszentrum, in dem ich turnerisch groß geworden war. Beim Kraft- und Ausdauertraining sowie beim Dehnen striezte er uns bis zur Schmerzgrenze. Wenn wir neue Übungen erlernten, gab er uns Hilfestellung. Aber nicht irgendwie, sondern wohlüberlegt und weder zu spät noch zu früh. Bei der Stützkehre am Barren zum Beispiel griff er mit einer blitzschnellen, präzisen Handbewegung mitten in die Rotation des fliegenden Körpers zwischen Schulter und  Nacken. Nur wenige Zehntelsekunden, wie eine Art Schlag, der aber so gesetzt war, dass er im richtigen Moment Unterstützung bot, die Richtung wies und natürlich ein Gefühl von Sicherheit gab.
Oder er stand bei einer Übung am Reck dicht auf Stangenhöhe parat und schob beim gefährlichsten Flugteil ein Polster wieder genau im richtigen Moment zwischen mich und die harte Eisenstange. Er verhinderte damit nicht den Aufprall, aber dämpfte ihn auf ein erträgliches Maß. Wenn es hart auf hart kam und man stürzte, schmiss er sich als letzte Instanz auf den Boden, um den Aufprall abzufangen, und kam dabei selbst meist nicht ohne Blessuren davon.
So wie diesen Trainer erlebe ich auch Gott: Er führt, er greift ein, er gibt Impulse, er bremst, er lenkt, er schützt – wenn man ihn lässt; immer mit dem Ziel, dass ich mich weiterentwickle und es schaffe. Er motiviert, er fiebert mit, er sieht zu, er hört zu, er will das Beste, den Sieg, und wenn man scheitert, ist er der Erste, der tröstet.

Überlebenswichtiger Glaube

Der Glaube hat sich für mich in manchen Dingen relativiert und in anderen intensiviert. Schien die Beziehung zu Gott früher ein bisschen wie das Sahnehäubchen auf der Torte meines sonnigen Lebens, so ist sie heute eher die Teigmasse und damit überlebenswichtig für mich geworden.
Im Wort „Religion“ schwingt von seinem lateinischen Ursprung „religere“ her die Bedeutung mit, etwas zu überdenken, eine Gegend mehrfach zu durchreisen, sich auf etwas zu besinnen. Jeder, der es einmal mit dem Christsein versucht hat, weiß, dass das ein dynamischer Prozess ist, mit dem es sich eigentlich wie mit jeder Beziehung verhält: Es gibt bessere und schlechtere Phasen und Momente. Manchmal fühlt man sich dem anderen weniger nah, dann wieder schäumt man über vor Kraft und Liebe.
Von einer Klassenfahrt in Rom sind mir viele Brunnen ähnlicher Konstruktion in Erinnerung geblieben, bei denen oben das Wasser herauskommt und in ein kleines Becken fließt. Aus diesem wiederum läuft es über in das darunterliegende größere Becken und dann ins nächste und so weiter. Ein Bild für ein Gebet, das ich gern in mir trage: Gott, schenk mir wie diesem Brunnen Liebe und Kraft ein. Am liebsten so viel, dass ich davon überlaufe und sie weitertragen kann. Und diese Liebe dann wieder weitergetragen wird.

Nächtliche Zwiegespräche

Eine Beziehung gedeiht aber nur, wenn man sie pflegt. Unter anderem deshalb tut es mir gut, mich in die Stille zurückzuziehen und innezuhalten. Anders als Elvis, der besonders gern nachts unterwegs war, weil er dachte, dass Gott dann nicht hinschaut, fahre ich gern ins Freie, wo ich möglichst viel vom Himmel sehen kann. Ich begebe mich in meinem Rollstuhl in Liegeposition und betrachte die schwebenden Wolken, die der Mond beleuchtet. Die Vorstellung, dass in der Stadt alles schläft, gefällt mir – die Menschen liegen in ihren Betten und tun nichts, und ich genieße es, dass ich allein bin und kein Handy bimmelt. Das Leben hält inne.
Erst in einigen Stunden werden die Leute wieder aufwachen, die Lichter werden angehen, die meisten werden sich anziehen und zum Auto oder zur Straßenbahn gehen, um zur Arbeit zu fahren. Dieser Rhythmus ist beruhigend und belebend zugleich. Ich mag die Nacht sehr.
Für den Fall, dass es einen nächsten Tag geben sollte, bitte ich, was mich angeht, zurzeit eher um Leitung als um Schutz. Denn rein physisch habe ich ja nicht mehr so viel zu verlieren. Ich rede mit Gott über die Leute auf meiner Gebetsliste; ich bete dafür, dass ich gute Arbeit abliefere, dass die Schmerzen endlich aufhören, und um Weisheit, Demut und Liebe. Und wie bei jedem Gespräch höre ich auch zeitweise einfach nur zu. Meist sind dann meine Anliegen und Probleme zwar nicht gelöst, aber sie fühlen sich leichter an.

Samuel Koch
Foto: Conny Wenk
Aus: „Rolle vorwärts – Das Leben geht weiter, als man denkt“ von Samuel Koch (adeo Verlag)

     

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