Tanzschritte hinein ins Licht

In meiner Erschöpfung lernte ich Gott auf neue Weise kennen

 

 

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Es war kalt in jenem Februar 1997. Bereits fünf Monate dauerte meine innere Lähmung schon an. Ich hatte sie mit unterschiedlicher Intensität erlebt, konnte anfangs tageweise noch meinem Studium nachgehen. Ich litt an äußerster körperlicher und seelischer Anspannung gepaart mit endloser Erschöpfung.

Zwei Jahre zuvor hatte ich begonnen, mein Leben zu ordnen. Struktur wollte ich ihm geben, um noch mehr in meinen vollen Tagesablauf hineinpacken zu können. Meine schmerzhafte Vergangenheit wollte ich bearbeiten. Eine Psychotherapie sollte mir dabei helfen. Nach etwa eineinhalb Jahren beschloss ich, sie zu beenden. Es schien mir genug zu sein, genug der Gespräche, genug der Erkenntnisse – ausreichend, um ein neues Leben beginnen zu können. Ich nahm an den letzten therapeutischen Sitzungen teil und fühlte mich gut.
Gerade hatte ich mein Auslandspraktikum in St. Petersburg in Russland erfolgreich absolviert. Für eine kurze Zeit entsprach ich meinen hochgesteckten Zielen und Erwartungen an mich selbst. Mein Hunger nach Bestätigung und Anerkennung war für einen Moment gestillt. Ich war als angehende Sozialarbeiterin erfolgreich tätig gewesen. Das war Beweis genug.
Meine Beziehung zu Jesus empfand ich als innig; ich war von ihm geleitet und auf wundersame Weise versorgt worden. Es war spannend, mein Leben mit Gott zu leben. Auch das beflügelte mich. Es war, als wären die Grenzen, die mir gesetzt waren, gefallen.

Tiefer Fall

Doch dann kam das Tief und meine Grenzen wurden enger als je zuvor. Ich missachtete die körperlichen Signale, die sich schon in den letzten zwei Wochen in Russland gezeigt hatten. Plötzlich verließ mich die Kraft und ich war tageweise kaum noch in der Lage, das Bett zu verlassen.
Irgendwie peitschte ich mich zurück nach Berlin, ignorierte immer wieder Anzeichen von Müdigkeit und Schwäche. Die Anforderungen von Studium und Alltag hielten mich die nächsten Wochen auf den Beinen, bis ich zu Beginn des Herbstes körperlich zusammenbrach. Die Erschöpfung hatte sich sehr tief in meine Seele und meinen Geist eingebrannt.
Hatte ich noch im Sommer das Leben als rasend und rauschhaft empfunden und war die Erfolgsleiter weiter und weiter nach oben gestiegen, so war ich nun abgestürzt.
Ich konnte einfach nicht mehr. Nicht mehr arbeiten, nichts mehr leisten, nicht mal mehr beten. Selbst das Bibellesen war zu einer Qual geworden. Einzig liegen in meinem Bett war möglich, zum Laufen oder Sitzen war ich nicht fähig. Ich konnte kein Licht ertragen und keine Geräusche. Lieb gemeinte Anrufe oder Besuche waren mir zu viel. Ich war nicht mehr in der Lage, zu denken, mich zu konzentrieren oder gar etwas zu tun. Suizidgedanken schlichen sich ein, die mir zuflüsterten, es hätte keinen Sinn, weiterzumachen. Die Depression hatte mich im Griff, den ganzen langen Herbst hindurch und den Winter. Auch zu Beginn des neuen Jahres befand ich mich noch in einem schwarzen Loch, in dem sich Todesgedanken breitmachten.

Nichts tun, nur sein

An einem jener kalten Februartage bewegte ich mich tastend durch die Dunkelheit, um eine CD mit Anbetungsmusik einzulegen, die ich zuvor noch nicht gehört hatte. Nur eine Kerze flackerte im Raum. Mehr Licht konnten meine an monatelange Dämmerung und Dunkelheit gewöhnten Augen nicht aushalten.
Ich wollte beten, wollte mit Gott zusammen sein. Nach nichts anderem sehnte ich mich mehr. Aber wie? Früher wusste ich, wie das ging: lange und intensiv beten, biblische Weisheiten aneinanderreihen. Ich hatte Jesus wirklich lieb – viele Jahre schon – und wollte ihm mit ganzem Herzen gefallen.
Mein Kopf und mein Mund waren leer. Keine Anstrengung war ihnen zu entlocken. Auch mein Geist war todmüde geworden. In dieser Situation wollte ich Gott einfach nahe sein. Ich wusste, dass ich keine Kraft hatte, lange auszuharren oder so lange zu beten, bis etwas geschah. Ich konnte nur noch sein. Einfach da sein, da sitzen, nichts bringen, nichts von mir fordern.
Die ersten Töne erklangen zart und dennoch kraftvoll. Ich ergriff einen Seidenschal und bewegte ihn vor mir hin und her. Mir gefielen die sanften Bewegungen, die so gut zu Melodie und Liedinhalt passten. Ich war fasziniert vom Farbenspiel des Schals, dem Flackern der Kerze, meiner Hand, die diese Atmosphäre schuf. Und dieser Hand wollten bald der Arm und die Schulter folgen. Mein Ohr und mein Herz waren nur noch auf diese wunderschöne Jesus-Musik ausgerichtet. In immer intensiveren Klängen wurde er gelobt. Und mein Körper wollte mit einstimmen. Irgendwie bewegte ich mich. Ich begann, für Gott zu tanzen.
Dabei dachte ich über keine Bewegung nach, nichts geschah bewusst gesteuert. Die Bewegungen entstanden eher zufällig – als Folge der Ausrichtung meines Herzens und meiner Seele auf ihn. Ich war so fasziniert von Jesus, von dem ganzen Geschehen. Ich wurde von ihm gehalten. In diesem Moment waren Erschöpfung und alles Beschwerliche verschwunden.

Lebendig gemacht

Dieses Erlebnis liegt nun 19 Jahre zurück. Es war das erste Mal, dass ich Jesus auf dieser körperlich-seelischen Ebene begegnete.
Damals wurde ein Heilungsprozess angestoßen. Gott hatte Balsam in meine Seele gegossen. Er nutzte meine Freude an Bewegung und Musik, um mir als missbrauchtes Kind und nun verletzte junge Frau einen neuen Zugang zu Körper und Seele zu ermöglichen. Und er begann eine innige Freundschaft mit mir, wie ich sie mir schöner und wahrhaftiger nie hätte erträumen können.
Und so tanzte ich weiter. Ich tanzte allein auf engstem Raum in meinem Wohnzimmer. Ich tanzte durch den großen leeren Festsaal unserer Gemeinde, wenn mir die Möglichkeit gegeben war, ihn allein zu nutzen. Zum damaligen Zeitpunkt war das für mich die einzige Möglichkeit, mich ausdrücken zu können. Ich liebte diese Tanzzeit mit Jesus, bewegte mich in Anbetung versunken zu den Liedern. Dann begann ich, in einer Gruppe zu tanzen. Hier traf ich auf Gleichgesinnte, die mir zusätzlich Halt gaben und mich bestärkten. In den Folgejahren forderte Gott mich immer öfter heraus, vor Menschen zu tanzen und meine Geschichte weiterzuerzählen.
Ich setzte Seelsorge und Therapie fort, bearbeitete erneut meine Vergangenheit, die sich so intensiv auf meine Gegenwart auswirkte. Mehrmals musste ich schmerzlich erfahren, dass mich gesellschaftlicher Druck und meine eigene Anspruchshaltung ausbrannten. Aber wer immer da war, das war Gott. Er gab mir Kraft.
Heute weiß ich, dass meine Kraftreserven begrenzt sind. Ich muss sie einteilen, komme mit kleinen Schritten an kleinere Ziele. Aber ich bin auf einem guten Weg, weil Gott mich leitet und begleitet.

Corinna Spiekermann lebt in Berlin. Dieser Artikel erschien in LYDIA 1/2017.

     

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