Mutige Schritte wagen

Losgehen und schauen, was passiert …

 

 

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Manche würden sie abenteuerlustig nennen, andere finden sie einfach mutig: Bettina Becker besuchte Prostituierte in ihren Wohnwagen. Zusammen mit ihrem Mann zog sie nach Magdeburg und begann eine offene Jugendarbeit. Ihr Ziel: Leben zu teilen – auch mit Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. LYDIA hat mit der Evangelistin und Streetworkerin über ihre Arbeit, ihre Familie und mutige Entscheidungen gesprochen.

Bettina, du hast mit 16 die Schule verlassen und träumtest von einer strahlenden Karriere. Nach der Ausbildung zur Industriekauffrau hast du dich dann aber zu einem theologischen Studium entschlossen. Warum?
Schon kurz nachdem ich die Ausbildung beendet hatte, war mir klar, dass ich dort nicht richtig war. Es kam mir so sinnlos vor. Ich wollte mit Menschen zu tun haben, kreativ sein, mehr über Gott erfahren und das dann weitergeben.

Du hast einmal gesagt, Christen sollten zu den Menschen gehen, statt sich in ihren Gemeindehäusern einzuigeln. Das hast du selbst umgesetzt und Prostituierte in ihren Wohnwagen besucht. Wie kamst du auf diese Idee?
Nach meinem Studium habe ich ein Praktikum als Evangelistin beim Missionswerk „Neues Leben“ gemacht. Während wir dort überlegten und beteten, wie eine Gemeinde Menschen erreichen könnte, hatte ich das Bild dieser Wohnwagen vor Augen. Im Westerwald stehen Wohnwagen, in denen Prostituierte arbeiten, auf etlichen Parkplätzen herum. Ich dachte zuerst: ‚Nein, das kann ich nicht.‘ Ich fühlte mich dem nicht gewachsen. Aber das Bild war sehr konkret und ich wusste, das soll mir etwas sagen. Ich sprach mit einigen Leuten über diese Idee. Und ich betete dafür. Mir wurde immer klarer, dass ich es machen sollte. Also nahm ich mein Fahrrad und fuhr hin. Ich war aufgeregt und nervös.

Ganz allein! Und dann?
Als ich ankam, schaute die Frau, Mona*, gerade aus dem Fenster. Ich sagte Hallo. Sie sagte auch Hallo. Dann wusste ich nicht mehr, was ich sagen sollte. Eine komische Situation! Mona hat dann das Gespräch weitergeführt, indem sie mir ihre Lebensgeschichte erzählte. Sie war aus Ghana nach Deutschland gekommen, um Geld für ihre drei Kinder zu verdienen. Dass sie es auf diese Weise tun würde, hatte sie nicht geplant.

Wie ging es weiter?
Wir verstanden uns immer besser. Wenn sie keinen Kunden hatte, durfte ich zu ihr in den Wohnwagen und wir unterhielten uns. Ich brachte ihr eine englische Bibel mit und wir haben christliche Lieder gesungen, zum Beispiel „Welch ein Freund ist unser Jesus“. Sie sang auf Englisch, ich auf Deutsch. Wenn ein Freier kam, musste ich gehen. Mit der Zeit merkte ich, dass Mona wirklich an Gott glaubt. Aber sie wollte trotzdem ihren Job nicht aufgeben. Ich konnte es nicht fassen!

Das lief also anders, als du gedacht hattest?
Absolut! Ich wollte sie aus dieser Situation retten. Aber Mona wollte nicht gerettet werden. Lange dachte ich, dass ich es schaffe, sie herauszuholen. Dass es doch irgendwie gehen müsse. Im Lauf der Zeit merkte ich, dass da Grenzen sind.
Das hat sich später bei anderen Prostituierten wiederholt. In der ganzen Zeit ist nur eine einzige Frau ausgestiegen aus der Szene. Bei den anderen klappte das nicht. Dabei spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Eine grundlegende Lebensänderung funktioniert nicht so einfach, wie wir Fromme mit unserem sicheren Gemeindehintergrund uns das vorstellen. Ich merkte, dass da starke Abhängigkeiten bestehen und innere Widerstände. Oft steckt auch Menschenhandel dahinter. Zu sehen, wie viel Zerbrochenes manche Frauen in ihrem Leben haben, ist mir sehr nahegegangen. Zeitweise habe ich die Zuhälter richtig gehasst.

Wie bist du damit umgegangen?
Zum Glück hatte ich inzwischen ein Team, in dem wir unsere Erlebnisse besprechen und aufarbeiten konnten. Mir wurde klar: Ich muss akzeptieren, dass in dieser Welt ganz viel Elend ist. Auch wenn es mir wehtut. Ich kann ein kleines Licht im Dunkeln sein, ihnen zuhören, ihnen eine Bibel schenken und für sie beten. Doch ich kann sie nicht retten. Aber ich vertraue darauf, dass Gott ihnen hilft und dass er sie – wann und wie auch immer – entschädigen wird für das ganze Elend, das sie hier erleben. Was ich auch gelernt habe: Wenn Menschen Entscheidungen treffen, die ich nicht nachvollziehen kann, habe ich nicht das Recht, ihnen ihren Glauben abzusprechen. (…)

Was bedeutet das für deine Arbeit?
Ich muss immer wieder lernen, Dinge an Gott abzugeben – ohne zu wissen, wie die Lösung aussieht. Je mehr ungeklärte Fragen ich habe, desto abhängiger werde ich von Gott. Je unsicherer ich bin, umso enger wird meine Beziehung zu Gott. Desto mehr wünsche ich mir, dass er mich leitet. (…)

Ellen Nieswiodek-Martin

* Name geändert
Dies ist ein Auszug aus einem Interview in LYDIA 1/2014.


     

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