Andrea Schneider
Ich bin umgezogen. Sie übrigens auch! Aus dem alten, bekannten Haus in ein neues, noch fremdes Haus. Noch hat dieses Haus nur eine neue Jahreszahl.
Wir haben sie schon ein paar Mal geschrieben und gelesen und uns vermutlich bereits
an sie gewöhnt. Wir haben auch schon Pläne gemacht für unser neues Haus, haben sie der Freundin am Telefon erzählt und vielleicht sogar schriftlich festgehalten.
Aber in Wahrheit kennen wir noch kaum einen der Räume in diesem Haus. Wir konnten sie uns noch nicht einmal aussuchen. Wir werden uns in ihnen einrichten müssen.
Wir alle sind umgezogen in ein neues Jahr. Und was haben wir nicht alles mitgenommen in unseren Umzugskisten! Vieles, was wir zum Leben brauchen, natürlich. Und manches, das weniger praktischen Nutzen hat, aber doch zu uns gehört:
Erinnerungen und Begegnungen, Schönes und Schwieriges. Manches ist ungeordnet, abgebrochen, belastend. Vielleicht ist jetzt, in diesen ersten Wochen des Jahres, gerade noch Zeit zum Sortieren, auch zum Wegwerfen, bevor wir uns wieder unnötig
„zumüllen” im neuen Haus.
Vieles nehmen wir mit, wenn wir von einem Jahr zum nächsten wandern. Vor allem uns selbst: unsere Wünsche, Träume, Ängste. Manch eine Umzugskiste ist fast zu schwer zum Tragen. Sie ist bis oben hin voll mit Sorgen – wegen einer
Krankheit oder einer Beziehung, wegen der Kinder oder wegen des Arbeitsplatzes. Und doch kann ich diese Kisten nicht einfach im alten Haus zurücklassen.
Allerdings: Was sind unsere kleinen, privaten Umzugskisten schon im Vergleich zu den riesigen Kartons nah und fern – angefüllt mit Völkerhass und Kriegsgerät, bereitgestellt, um auch dieses Jahr mit Schrecken zu bedecken?
Als hätte er unsere heutige Welt gekannt, hat der Liederdichter Paul Gerhardt im 17. Jahrhundert seine Gedanken zum Jahresbeginn so auf den Punkt gebracht:
„Wir gehn dahin und wandern
von einem Jahr zum andern,
wir leben und gedeihen
vom alten zu dem neuen.
Durch so viel Angst und Plagen,
durch Zittern und durch Zagen,
durch Krieg und große Schrecken,
die alle Welt bedecken.”
Dann wendet sich der Dichter an Gott:
„Ach Hüter unsers Lebens,
fürwahr, es ist vergebens
mit unserm Tun und Machen,
wo nicht dein´ Augen wachen.
Gelobt sei Deine Treue,
die alle Morgen neue,
Lob sei den starken Händen,
die alles Herzleid wenden!”
Gegen seine Unsicherheit am Beginn des neuen Jahres und auch gegen das Gefühl, dass alles vergeblich ist, was man anpacken will, setzt Paul Gerhardt Vertrauen: nämlich sein Vertrauen auf Gott.
Vor einigen Jahren hat eine große Umzugsfirma mit folgendem Slogan geworben: „Umzug ist Vertrauenssache!” Der Slogan prangte in dicken Lettern unübersehbar auf jeder Umzugskiste. Und er war wohl sehr erfolgreich. Denn das leuchtet unmittelbar ein:
Wer umzieht, muss den Packern und Trägern und Fahrern vertrauen. Dass die sorgsam mit dem anvertrauten Gut umgehen und dass am Ende wieder alle Tassen heil im Schrank stehen.
„Umzug ist Vertrauenssache!” Das gilt auch für meinen ganz persönlichen Umzug in ein neues Jahr. Mit allem, was zu mir gehört, möchte ich gut aufgehoben sein. Weil ich eben trotz aller Pläne nicht weiß, was auf mich zukommt.
Ob die Räume des neuen Jahres freundlich–hell sind oder bedrohlich–dunkel. Ob ich mich in ihnen zu Hause fühle oder fremd bleibe.
„Umzug ist Vertrauenssache!” Deshalb habe ich bei meinem Umzug in das neue Jahr auch meine Bibel mitgenommen. In der Bibel finde ich Worte von Gott, denen ich Vertrauen schenke.
Zum Beispiel die Jahreslosung für 2012: „Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig” (2. Korinther 12,9). Wie dieses Jahr wird, was mir gelingt und was nicht, was ich bewältige und wo ich scheitere – all das hängt
letztlich nicht an mir und meiner Kraft. Gottes Kraft will sich durchsetzen – auch und gerade in meiner Schwäche.
„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig” – Worte wie diese finde ich in der Bibel für jeden Tag. Sie machen mir Mut, die Räume des neuen Jahres zuversichtlich zu entdecken und fröhlich zu gestalten. Denn: „Umzug ist Vertrauenssache!”
Mit dem Motorrad durch die Steppe
1983 kam die damals 28–jährige Angelika Wohlenberg als frisch gebackene Krankenschwester und Hebamme aus Schleswig–Holstein in die Massai–Steppe südlich des Kilimandscharo. Eine Impfkampagne war ihre erste Aufgabe. Aber wenn sie geglaubt hatte, die Massai seien froh, dass ihre Kinder nun endlich gegen oft tödlich endende Krankheiten geimpft wurden, so täuschte sie sich. Der Weg, das Vertrauen der Halbnomaden zu gewinnen, war lang und steinig, genauer gesagt: kurvig und staubig. Angelika wurde nämlich selbst zur Nomadin: Sie packte ein Zelt auf ihr Motorrad und zog mit den Massai durch die Steppe. Blieb immer so lange an einem Ort, wie die Kuh– und Ziegenherden genug zu fressen fanden, und brach dann wieder auf. Sieben Jahre ging das so, bis die Massai glauben konnten: Ja, die meint es ernst. Die will uns wirklich helfen. Sie ist zwar äußerst seltsam, hat lange Haare wie ein Mann und gleichzeitig eine Brust wie eine Frau. Aber sie ist immer da, wenn man sie braucht. Und sie scheint das Leben in der Steppe wirklich zu lieben. Dass sie keine Kinder hat, bedeutet wohl, dass sie weder ein richtiger Mann noch eine richtige Frau ist. Das Allerseltsamste aber: Kein Mensch ist für sie verantwortlich. Keiner liegt nachts neben ihr im Zelt. Keiner verscheucht für sie die wilden Tiere. Und keiner sagt ihr, dass sie endlich heiraten soll. Was für ein Vater muss das sein, der sein Kind so vernachlässigt! Hat er keine Autorität? Oder gibt es ihn vielleicht gar nicht?
Andrea Schneider ist Rundfunkpastorin und Trainerin.
Dies ist ein Auszug aus LYDIA 2-2012. Lust auf mehr? Bestellen Sie LYDIA im Dauer- oder Probe-Abonnement.