
Nie gebe ich dich auf!
Eine mutige Mutter kämpft um ihre drogensüchtige Tochter
Gerda Staudenmann-Christiansen
Über viele Jahre war meine Tochter drogensüchtig. Nun schreibe ich diese Geschichte, eine wahre, schmerzliche und doch so wunderbare Geschichte.
Ich möchte andere ermutigen, die um einen lieben Menschen kämpfen, der in der Sucht gefangen ist: Gebt die Hoffnung nie auf. Ich liebe die Worte
von Gottfried Keller: Sooft die Sonne aufsteht, erneuert sich mein Hoffen, und bleibt, bis sie untergeht, wie eine Blüte offen.
Mein Wunschkind! Trotz diverser Operationen war ich schwanger. Sie ist ein Wunder , sagte der Arzt, und Sabine entwickelte sich zu einem Sonnenschein lieb,
fröhlich, lustig eine wunderbare Schwester für meinen lieben Sohn. Doch dann kam die Scheidung, und unsere heile Welt brach zusammen.
Sabine veränderte sich. Ihre Augen verloren ihr Strahlen in dieser traurigen Zeit, und je älter sie wurde, desto kritischer und rebellischer
schien sie. Ich sah etwas Drohendes auf uns zukommen, auch wenn äußerlich alles normal wirkte: Konfirmation, die erste Lehrstelle, die erste
große Liebe. Die Beziehung war stürmisch. Zu stürmisch. Ja, ich wollte für Sabine nur das Beste, ihr Glück keine Sorgen und Verletzungen.
Kranke Liebe
Obwohl ich es nicht erklären konnte, hatte ich Angst: War er wirklich der Richtige? Immer häufiger bemerkte ich,
wie sie sich stritten und meine Tochter weinte. Irgendetwas stimmte nicht. Schon lange beobachtete ich ihr untypisches Verhalten. Ob sie Drogen nahmen?
Ich wollte es nicht wahrhaben. Nach einiger Zeit verlor Sabine ihre Lehrstelle. Was aber noch viel schlimmer war: Sie steckte bereits in der Sucht.
Ich sprach sie darauf an. Sie wollte nicht hören. Wir waren in dieser Zeit bei verschiedenen Beratungsstellen. Sabine hörte zu, ging aber doch
ihren eigenen Weg. In ihrer Welt regierte etwas anderes. Sie versuchte, sich hübsch zu machen, aber es gelang ihr nicht. Ich sah die Spuren in ihrem
Gesicht. Auch ihre zweite Lehrstelle verlor sie, und ihre Beziehung zerbrach. Ihr Freund verließ sie. Nun war es so weit: keine Arbeit, kein Geld,
sie machte Schulden bei Freunden und fuhr mit dem Zug überall hin, um Drogen zu beschaffen. Ich zahlte Rechnungen für Taxis und Schwarzfahren.
Nach zwei Jahren gelangte auch ich an finanzielle Grenzen und musste meinen Sohn um Geld bitten.
Mutterliebe
Was soll aus meiner Tochter werden?, fragte ich Gott im Gebet. Ich kann sie doch nicht aufgeben! Niemals! Manchmal stand ich am Fenster und tagträumte:
Ich sah meine Tochter fröhlich zur Arbeit gehen und spürte großes Glück. Doch dann wendete ich mein Gesicht weg vom Fenster und schaute
ins Zimmer. Dort lag meine Tochter auf dem Bett, ein Häufchen Elend, krank, wirr, voll von Drogen. Bei wie vielen Beratungsstellen waren wir schon gewesen?
Nichts änderte sich. Jeden Abend ging Sabine fort, um Drogen zu beschaffen. Und wenn sie nach Hause kam, war sie doch in einer anderen Welt,
schlief oder sah fern. Unzählige Nächte lag ich wach, stand auf, ging in ihr Zimmer, sah ihr Gesicht, schmal, eingefallen, dunkle Ringe unter den Augen.
Ich beugte mich über sie. Schlief sie, oder ...? Atmete sie noch? Manchmal flüsterte ich dann: Wer nahm deine Gesundheit, deine Schönheit,
deine jungen Jahre, deine Träume und deine Hoffnung, deinen Glauben und deine Freude? Das weiße Gift. Lieber Gott, gib mir meine Tochter zurück,
entferne die dunkle Wolke. Eines Tages entdeckte ich einige Bilder, die Sabine im Kindergarten gemalt hatte. Immer lachte die Sonne in einer Ecke.
Nein, ich wollte nicht aufgeben. Gott würde meine Gebete erhören. Ich hielt mich an den Bibelvers: Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das,
was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht (Hebräer 11,1). Wie könnte eine Mutter ihre Kinder aufgeben? Niemals!,
dachte ich. Nie gebe ich dich auf. Mein Sonnenschein.
Dies ist ein Auszug aus LYDIA 4-2008. Wenn Sie weiterlesen möchten, fordern Sie einfach ein Probeheft an!