Alicia Chole
Haben Sie sich jemals übersehen gefühlt? Sind Sie schon einmal umgezogen oder in eine neue Umgebung gekommen, in der keiner Sie kannte und niemand wusste, welche Fähigkeiten Sie haben und welche Träume in Ihrem Herzen brennen? Sind Sie je über die Schwelle in eine neue Lebensphase eingetreten, wo Sie statt Anerkennung Anonymität empfing und wo Sie sich nicht mehr in einer Leitungsposition wiederfanden, sondern in der des Lernenden? Sind Sie schon einmal aus einem Dienst ausgeschieden oder haben ein Amt aus Altersgründen abgegeben, mit der Folge, dass man Ihren Rat nicht mehr suchte, sondern Sie außen vor ließ und dass nicht mehr Sie im Rampenlicht standen, sondern andere?
Verborgene Träume. Verborgene Gaben. Jeder von uns kennt solche Kapitel im Leben, in denen unsere sichtbare Fruchtbarkeit zurückgeschnitten wird, unsere früher so lobenswerten Stärken brachliegen und unsere Fähigkeiten von unserer Umgebung überhaupt nicht bemerkt werden. Wie bei einer Blume, deren prachtvolle Blüte von nassen Blättern zugedeckt ist, lastet die Schwere des Verborgenseins auf unserem Herzen, und wir seufzen leise: "Ich habe so viel mehr zu geben."
Doch da ist einer, der die Schönheit dieser verdeckten, verborgenen Blüte sieht: Gott selbst. Und unerklärlicherweise wird seine Freude über diese Schönheit durch die grüne Tarnung in keiner Weise geschmälert. Sie wäre auch nicht größer, wenn die Blume sichtbarer hervortreten würde. Ist das nicht eine gute Nachricht für Menschen im Verborgenen?
Egal ob dieses Verborgensein die Folge eines vorhersehbaren neuen Lebensabschnitts ist oder auf einem unerklärlichen Verlust beruht es kann manchmal Jahre dauern, in denen wir das Gefühl haben, dass der größe Teil von uns unsichtbar ist und andere nur die Spitze des Eisbergs von dem sehen, wer wir wirklich sind.
Wissenschaftler weisen darauf hin, dass nur acht bis zehn Prozent eines Eisbergs sichtbar sind. Mindestens 90 % befinden sich unter der Wasseroberfläche und sind nicht zu sehen. Wegen ihrer enormen Masse sind Eisberge mit diesen Proportionen praktisch unzerstörbar. 10 % sichtbar plus 90 % unsichtbar: Das kommt einem unzerstörbaren Leben gleich.
Das Leben, das in der gesamten Weltgeschichte den allergrößten Einfluss hatte, spiegelt diese Eisberggleichung wider. 90 % des Lebens Jesu wurden im Verborgenen gelebt. Nur 10 % seines irdischen Lebens liefen vor den Augen der Öffentlichkeit ab. Und sein gesamtes Leben war und ist absolut unzerstörbar.
Die Verborgenheit: ein heiliger Ort
Unsere aufrichtigen Gebete, "wie Jesus zu sein", werden in unserem Herzen gewöhnlich nicht mit der Bitte gleichgesetzt: "Lieber Gott, gib mir bitte das Vorrecht, 90 % meines Lebens ohne den Beifall und die Wertschätzung anderer Menschen in völliger Anonymität zuzubringen!" Oh nein. Unsere begeisterte Vorstellung davon, "wie Jesus zu sein", enthält diverse Ausnahmeklauseln - was seine verborgenen Jahre, seine Versuchungen und seinen Kreuzestod betrifft. Die übergehen wir lieber und lehnen dankend ab.
Vielmehr sind es der Charakter und die Vollmacht Jesu, auf die sich unser Interesse richtet. Aber diese sind keine eigenständigen Gebilde, sondern sie gehören untrennbar zum Leben Jesu dazu, das zu 90 % in der Stille und Verborgenheit verlief. "Was würde Jesus tun?", lautet unsere ehrliche Frage. Nun, für den Anfang nahm er ein Leben in der Verborgenheit an.
Warum? Weshalb hat Gott der Vater die Herrlichkeit des Himmels in einfaches Packpapier eingewickelt, die Geburt seines Sohnes zwar durch einen kompletten Engelchor ankündigen lassen, dieses kostbare Geschenk dann aber drei Jahrzehnte lang verborgen?
Wir hätten es bestimmt nicht zugelassen, dass Gottes Sohn 90 % seines Lebens in der Anonymität verbrachte. Von Anfang an wäre jeder Atemzug des Neugeborenen von den klügsten Köpfen der medizinischen Forschung überwacht worden. Jede Bewegung wäre von den Medien eingefangen und von Psychologen analysiert worden. Jedes Wort wäre von Theologen abgewogen und von Historikern festgehalten worden.
Verborgen bleiben? Auf keinen Fall! Doch für das Leben Jesu - und für unser persönliches Leben - war und ist entscheidend, dass wir unsichtbar nicht mit unwichtig verwechseln.
Aus der Perspektive Gottes sind Zeiten in der Anonymität heilige Räume. Sie sind prägend für die Entwicklung. Wir sollen sie in aller Ruhe durchleben und sie nicht im Eilschritt durchlaufen, dann werden wir sie mit Sicherheit niemals bereuen. Ohne große menschliche Beachtung, aber keineswegs unfruchtbar: Verborgene Jahre sind der erstaunliche Geburtsort wahrer geistlicher Größe. (...)
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