Interview mit Maike Kraft
In meinen Armen starb ein Baby!
Manche Momente übersteigen menschliche Grenzen. Diese Krisen fordern uns heraus und prägen uns oft ein Leben lang.
Viele Menschen reagieren darauf mit Angst und Rückzug. Andere hingegen mit Einsatzkraft und Mut. Genau das war der Fall, als Maike Kraft,
Hotelfachfrau aus Flensburg, das erschütternde Erdbeben in Haiti am 12. Januar 2010 miterlebte. Von den schätzungsweise 200.000 Opfern starb ein Baby in
ihren Armen. Doch statt zu resignieren, setzt sich die 27-Jährige noch mehr für Haiti ein.
Nach dem ersten großen Schock fand Maike 63 Stunden keinen Schlaf. Sie versuchte zu helfen, aber es war zu gefährlich,
unter den Trümmern nach Überlebenden zu suchen. Denn immer wieder gab es Nachbeben. In der glühenden Hitze übernachtete sie mit 31
Waisenkindern im Freien und sah zu, wie weitere Gebäude einstürzten. Der Gestank von Toten und Urin wehte durch die Straßen.
Als sie nach Deutschland zurückkam, war sie sofort bereit, von ihren Erlebnissen zu berichten. Die Menschen in Haiti brauchten Hilfe und jemand musste erzählen,
wie die Situation dort war. Deshalb fuhr sie zur ZDF-Spendennacht mit Thomas Gottschalk. Wie eine Heldin fühlte sie sich nicht. Es ist reine Gnade,
dass ich leben darf , sagt sie.
Wo war Gott in dieser Not - und im Leben von Maike? Er war bei ihr, als sie entschied, nach Haiti zu gehen, um den Armen zu helfen. Er war bei ihr,
als sie dort war und das Beben geschah. Er war mit ihr, als sie zurückkam, um im Fernsehen als Augenzeugin von ihren Erlebnissen zu berichten.
Die Sendung bewegte die Herzen von Tausenden Zuschauern, und allein bei dieser Gelegenheit wurden mehr als 17 Millionen Euro gespendet.
Maike ist überzeugt, dass Gott einen Plan mit ihr hat und sie in Haiti gebrauchen will. Und nicht nur sie - jeder kann Teil dieses Hilfsplans Gottes sein und
verschiedene Organisationen unterstützen, in Haiti oder anderen Teilen der Welt.
Vielleicht fühlen Sie sich manchmal hilflos angesichts der riesigen Not in der Welt? Was kann ein Einzelner schon bewirken?
Eine ganze Menge, meint Maike Kraft - und deshalb ist sie bereits wieder in Haiti. Vor dem Abflug hat LYDIA mit ihr gesprochen. Lesen Sie,
was diese junge Frau bewegt, wie sie trotz Widerstände durchhält und die Hoffnung bewahrt.
Als das schreckliche Erdbeben in Haiti passierte, waren Sie vor Ort. Wie haben Sie das Beben erlebt?
Als es losging, verstand ich erst gar nicht, was eigentlich passierte. Alles bewegte und schüttelte sich. Gegenstände fielen aus den Regalen. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. Innerhalb weniger Sekunden fiel der Strom aus. Im Dunkeln versuchte ich, in den Türrahmen zu gelangen, was aufgrund der starken Erschütterungen nicht einfach war. Als das erste große Beben vorbei war - was wie eine Ewigkeit schien - erahnten wir die Auswirkungen nicht mal im Ansatz, da unser Gebäude standgehalten hatte.
Was ging in Ihnen vor? Hatten Sie Angst, Ihr Leben zu verlieren?
Als wir ein paar Minuten nach dem Beben aus dem Gebäude hinaus auf die Straße liefen, sahen wir zunächst nur Bruchstücke der Zerstörung. Es war wie ein plötzlicher Schockmoment, als ich die eingestürzten Häuser sah und immer noch einstürzen hörte. Menschen liefen an mir vorbei. Überall hörte ich Schreie. Denken konnte ich in diesem Moment nicht. Alles ging so schnell! Ich reagierte lediglich auf die Situation. Angst bekam ich erst, als die Nachbeben die ganze Nacht über so stark und kontinuierlich waren. Da der Erdboden sich an vielen Stellen geöffnet hatte, befürchtete ich, dass er sich auch unter mir öffnen würde. Bei dem Gedanken konnte ich kein Auge zutun. Mir war bewusst, dass ich jeden Moment sterben könnte. Doch zugleich spürte ich Frieden und wusste: Mein Leben liegt in Gottes Hand, egal was passiert! (...)
Dies ist ein Auszug aus LYDIA 3-2010. Lust auf mehr? Bestellen Sie LYDIA im Dauer- oder Probe-Abonnement.