
Interview mit Vesna Bühler
Leben in Israel
Zwischen Terror, Liebe und Liedern
Elisabeth Mittelstädt
Das Jahrtausende alte Jerusalem hat für Christen eine größere historische Bedeutung als irgendeine andere Stadt der Welt.
In diesem Jahr zum 60. Geburtstag des Staates Israel heißt sie Besucher aus vielen verschiedenen Ländern willkommen.
60 Jahre Israel. Doch vor dem Fest kommt die Stille. In allen Städten Israels tönen Sirenen, und die Gedenkminuten beginnen.
Das ganze Land steht still Autos, Züge, Maschinen, Die Menschen gedenken der Toten und lassen den Tränen freien Lauf.
Doch zum Sonnenuntergang wird die Trauer gebrochen und das Volk bricht in Jubel aus. Es erinnert sich an die Geburt des Staates Israel
am 14. Mai 1948 und feiert dieses große Ereignis. Ein riesiges Feuerwerk erleuchtet den Himmel über Jerusalem. Auf den alten Gassen klingen Lieder.
Mitten in der Menge der Feiergäste steht auch eine deutsche Familie und blickt staunend zurück auf ihre eigene
Geschichte im Heiligen Land: die Krankenschwester und Sängerin Vesna Bühler, ihr Mann Dr. Jürgen Bühler
und ihre drei Söhne David, Nethanel und Simon. 1994 zog das Ehepaar nach Israel. Dr. Bühler schrieb in Tel Aviv
seine Doktorarbeit und fand danach eine Stelle bei der Internationalen Christlichen Botschaft in Jerusalem. Vesna arbeitete
zunächst als Krankenschwester und betreute Holocaust-Überlebende. Seit dem Umzug drei Jahre später nach Jerusalem
bleibt Vesna zu Hause und kümmert sich um ihre Kinder und den Haushalt. Doch auch hier nutzt sie jede Chance, Menschen zu
ermutigen in alltäglichen Begegnungen und durch ihre hebräischen Lieder, die auf führenden Radiosendern laufen.
14 Jahre in Israel. Wenn Vesna von ihrem Leben spricht, wird klar, wie sehr ihr Herz für den Gott und die Menschen Israels
schlägt. Sie betrachtet den Schmerz und die Freude nicht nur aus der Ferne, sondern erlebt beides hautnah mit.
Im Lydia-Interview erzählt die 38-Jährige, wie die Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden sie verändert und
beschenkt haben. Sie spricht über ihre Lieder, ihr Leben mit dem täglichen Terror und erklärt, was die Familie
motiviert, im Land zu bleiben.
Frau Bühler, Sie haben sich entschieden, in Israel zu leben. Wie kam es dazu?
Alles begann damit, dass mich mein damaliger Verlobter Jürgen fragte, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihm
einige Zeit in Israel zu verbringen. Er hatte nämlich im Zusammenhang mit seinem Physikdoktorat eine Einladung von
einem angesehenen wissenschaftlichen Institut bekommen. Ich war begeistert, denn ich hegte schon lange den Wunsch, eine
Zeit lang dort zu leben. Mir gingen Szenen durch den Kopf, die ich mit meiner Freundin erlebte, als wir auf eigene Faust
durch Israel pirschten: die Wüste, Jerusalem, die nach orientalischen Gewürzen duftenden Bazare, die Klagemauer,
die Musik des Landes, die alle Gefühle untermalte &, und ich dachte an meine Liebe zu dem Volk des Landes, die mir
von meinen Eltern weitergegeben und die durch meinen persönlichen Glauben bekräftigt wurde. Jürgen und ich
empfanden beide, dass Gott uns diesen Weg führte.
Wir hatten keine Zeit zu verlieren, denn die Arbeit an dem Institut sollte schon sehr bald beginnen. Deshalb wählten wir
als Hochzeitsvers: Haltet mich nicht auf, denn der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben (1. Mose 24,56a). Genau einen Tag
nach der Hochzeit landeten wir in Tel Aviv und unsere Ehe konnte beginnen!
War es schwer, eine Arbeitsstelle zu finden?
Das war ein erstaunliches Geschenk Gottes. Ich bekam die Stelle
in einem Krankenhaus in einem Vorort Tel Avivs ganz knapp vor einer Gesetzesänderung, die alle ausländischen
Bewerberinnen dazu verpflichtete, sich einem israelischen Krankenschwesterexamen zu unterziehen. Vor meinem ersten Arbeitstag
machte ich mir dennoch Sorgen wegen meiner mangelnden oder besser gesagt: fehlenden Sprachkenntnis. Gerade als ich wieder darüber
grübelte, sprach der Herr durch eine Bibelstelle zu mir. Schon bevor ich die Bibel aufschlug, überfiel mich plötzlich
eine ungewöhnliche Freude. Ich spürte: Jetzt will Gott mir durch sein Wort etwas ganz persönlich sagen! Meine Bibellese
fiel an dem Tag auf Hesekiel 3. In Vers 4 und 5 las ich: Denn du wirst nicht zu einem Volk mit unverständlicher Sprache und schwerer
Zunge gesandt, deren Worte du nicht verstehen könntest Bei Vers 15 stockte mir der Atem: und ich kam zu den Weggeführten nach Tel Abib.
Mein Krankenhaus befand sich in einem Vorort von Tel Aviv. Tel Abib war zu biblischer Zeit zwar ein Ort in Babylon, aber für
mich stand in diesem Moment fest, dass der Herr diesen Arbeitsplatz für mich ausgesucht hatte. Bei dem Wort Weggeführte
musste ich sofort an die Holocaust-Überlebenden denken, die den größten Teil der Patienten auf meiner zukünftigen
Station ausmachten. Tatsächlich fiel mir das Erlernen der Sprache unglaublich leicht ich entwickelte diesbezüglich einen
regelrechten Wissensdurst. Schon nach einem halben Jahr bekam ich die Verantwortung für ganze Schichten übertragen.
Unter dem ursprünglichen Volk Gottes, den Juden, arbeiten zu dürfen, empfand ich als großes Vorrecht. Gleichzeitig ging
ich innerlich durch eine Ernüchterungsphase. Es machte mich betroffen und traurig, dass selbst hier viele Menschen nichts mit ihrem
Gott zu tun haben wollten.
Was war es für ein Gefühl, als Deutsche unter Holocaust-Überlebenden zu arbeiten?
Es war bewegend.
Ich durfte sterbenden jüdischen Patienten Psalmen singen und sie ermutigen, ihren Gott anzurufen. Eine Holocaust-Überlebende
bat mich sogar, für sie den 23. Psalm auf Deutsch niederzuschreiben auf Deutsch, der Sprache, die sie an die Zeit des
Nationalsozialismus und an das Schicksal ihrer Familie erinnerte. Ich lernte Patienten kennen, die bis heute an den Folgen der
KZ-Folter litten. Ihr Leben lang plagten sie Albträume, und sie kamen nie aus tiefen Depressionen heraus. Viele waren verstümmelt.
Eine Patientin zeigte uns eine riesige Hakenkreuztätowierung auf ihrem Rücken. Und ein anderer Patient erzählte mit
zittriger Stimme, wie er seine eigenen Eltern in den Verbrennungsofen schieben musste.
Wie gehen Sie mit der Angst und dem täglichen Terror um?
Das ist immer wieder eine Herausforderung. Aber der
Herr lässt uns nicht allein. Kurz nach unserem Umzug kam unser zweiter Sohn Nethanel zur Welt. Jürgen trat seine neue
Stelle an und musste häufig ins Ausland fliegen. Mir war sehr unwohl zumute, in dieser unruhigen Umgebung mit unseren zwei
kleinen Kindern oft wochenweise allein zu sein. Andererseits brachte mich gerade dieses Gefühl der Hilflosigkeit und Angst Gott näher.
Wie verkraften Ihre Kinder so viel Angst und Gewalt?
Der Herr arbeitet auch in ihren Herzen. Das merkte ich zum Beispiel, als wir eines Abends schnell zu unseren Nachbarn in die Wohnung gehen mussten, weil dort jemand eingebrochen hatte. Als unsere Nachbarn klopften, aßen wir als Familie gerade zu Abend. Ich gab den Kindern Anweisungen, ihr Abendessen für einige Minuten alleine fortzusetzen. Dabei ahnte ich nicht, dass der Einbruch sie in Panik versetzt hatte. Als wir nach einigen Minuten wieder zurückkamen, war die Tür verriegelt, und die Kinder sangen laut im Wohnzimmer. Als sie uns reinließen, fragte ich verwundert, was denn hier los wäre. David, der den Gesang wohl anführte, informierte mich: "Ihr habt uns doch beigebracht, den Herrn zu preisen, wenn wir Angst haben! Und wir hatten Angst, dass der Einbrecher in der Nähe war. Deshalb haben wir so laut wie möglich gesungen: Sei mutig und stark und fürchte dich nicht, denn der Herr, dein Gott ist bei dir..."
Dies ist ein Auszug aus LYDIA 4-2008. Wenn Sie weiterlesen möchten, fordern Sie einfach ein Probeheft an!